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Polnische Geschichtspolitik : Wir brauchen eine schönere Historie

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Bogdan Musiałs Artikel über die Erfolge einer vermeintlichen deutschen Geschichtspropaganda enthält jedoch Denunziationen beruflicher Konkurrenten. Der Text ist ausgezeichnet komponiert, der Autor passt ihn meisterhaft in den aktuellen politischen und geschichtspolitischen Diskurs ein. Indem er zunächst einen Popanz von deutscher Geschichtsverdrehung aufbaut, kann er leicht an die von Präsident Duda genannten Punkte - „polnische“ Konzentrationslager, Deutschlands großes Potential - anknüpfen, ohne Belege dafür anführen zu müssen. Der deutsche Historikerverband hat übrigens Anfang 2014 seine entschiedene Ablehnung von Begriffen wie „polnische Konzentrationslager“ zu Protokoll gegeben, da solche „Unwörter falsche Vorstellungen von der Verantwortung für NS-Verbrechen“ suggerieren. Musiał, der in Deutschland studiert und promoviert hat, dürfte darüber im Bilde sein.

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Doch er unterstellt seinen polnischen Kollegen, für das, was er als Erfolg der deutschen Geschichtspropaganda bezeichnet, verantwortlich zu sein. Dazu erneuert er zunächst seine bereits 2008 vorgebrachte Anschuldigung gegen den Warschauer Historiker Włodzimierz Borodziej, dieser habe seine wissenschaftliche Karriere allein der Tatsache zu verdanken, dass sein Vater Geheimdienstfunktionär gewesen sei. Zwar haben seine Belege für diese Behauptung seit 2008 nicht an Überzeugungskraft gewonnen, dafür verpackt er sie in Begrifflichkeiten der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzung. Musiał zählt Borodziej zu den „Kaderkindern“, die Wissenschaftsminister Jarosław Gowin unlängst als treibende Kraft unter den Regierungsgegnern identifizierte. Historiker, die Borodziej 2008 gegen die Angriffe in Schutz genommen hatten, erklärt er unter Anspielung auf das „Komitee zur Verteidigung der Demokratie“, das die Massenproteste gegen die PiS organisiert und dafür massiv angefeindet wird, zum „Komitee zur Verteidigung Borodziejs“. Dazu zählt Musiał Krzysztof Ruchniewicz, Robert Traba, Anna Wolff-Powęska und Stanisław Źerko - wie Borodziej international angesehene Wissenschaftler, mit denen sich inzwischen zweihundert polnische und ausländische Historiker solidarisierten.

Von der rhetorischen Raffinesse abgesehen, mit der Musiał seine Angriffe auf Kollegen in das Freund-Feind-Schema der Regierung einpasst, formuliert er sein Ziel ganz offen: Er will die Regierung davon überzeugen, kritische Stimmen auch in der Wissenschaft, ähnlich wie in den Medien, auszutauschen. Die vierjährige Amtszeit der PiS-Regierung solle genutzt werden, um eine neue, „unabhängig denkende“ Generation von Deutschland-Spezialisten auszubilden, und zwar nicht durch Borodziej und seine Gesinnungsgenossen. Bogdan Musiał begreift die gegenwärtige Debatte um eine neue Geschichtspolitik als Karrierechance und schließt seine Denunziation mit einer Bewerbungsinitiative. Seine Erfolgsaussichten hängen davon ab, ob die polnische Regierung ihre geschichtspolitischen Ziele durch Druck auf die Wissenschaft zu erreichen versucht oder lieber durch Filmförderung.

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