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Polnische Geschichtspolitik : Wir brauchen eine schönere Historie

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Das klingt, als glaube der polnische Präsident, das Drehbuch für „Unsere Mütter, unsere Väter“ sei auf Bestellung und nach Anweisungen der Bundesregierung entstanden. Außerdem scheint er Geschichtspolitik für ein exakt steuerbares Instrument der Regierungspolitik zu halten. Eine solche Auffassung verwundert gerade in Polen. Wie in kaum einem anderen Land nutzte hier die Opposition der siebziger und achtziger Jahre die Geschichte zur Auseinandersetzung mit den kommunistischen Machthabern. Aber auch untereinander stritten ihre Anhänger heftig um ihre Auslegung. Hat man das in der Regierungspartei PiS vergessen? Immerhin sind Parteichef Jarosław Kaczyński und Verteidigungsminister Antoni Macierewicz prominente Veteranen der antikommunistischen Opposition.

Die PiS betrieb aber auch selbst vor ihrem Wahlsieg erfolgreich Geschichtspolitik und stellte ihre politischen Gegner als nicht genug patriotisch dar. Ihre Sicht der polnischen Geschichte verengt sich auf den opferreichen Kampf der Polen um ihre nationale Selbstbehauptung gegen deutsche und russische beziehungsweise sowjetische Unterdrücker. Gegensätze innerhalb der polnischen Gesellschaft, die vor allem im unabhängigen Polen zwischen den beiden Weltkriegen offen zutage traten, werden ausgeblendet. Ebenso wie Ambivalenzen im Verhalten der Polen unter deutscher, aber auch sowjetischer Besatzung. Dass sich die moderne, international vernetzte, streitlustige polnische Geschichtswissenschaft widerspruchslos in den Dienst solcher staatlichen Geschichtspolitik stellt, ist nicht zu erwarten. Jan Źaryn, Senator und geschichtspolitischer Vordenker der PiS, soll auf der erwähnten Veranstaltung im Präsidentenpalast denn auch gesagt haben, in der Geschichtspolitik solle keine Demokratie herrschen. Der Staat müsse die für ihn nützliche Sichtweise durchsetzen.

Ob sich Präsident Duda Źaryns Sichtweise anschließt, muss sich zeigen. Das Ansinnen, Gross den Verdienstorden abzuerkennen, scheint ein Versuch, den Präsidenten in diese Richtung zu drängen. Dahinter steht Maciej Świrski, Vorsitzender eines Vereins zum Schutze des guten Namens Polens und Berater von Kulturminister Piotr Gliński. Świrski hatte nach Gross’ Beitrag in der „Welt“ einen Strafantrag wegen Verleumdung des polnischen Volkes gestellt. Zugleich startete er eine Online-Petition an Duda mit bisher etwa vierzigtausend Unterschriften. Ihr Anlass war Gross’ Behauptung, Polen hätten während des Zweiten Weltkriegs mehr Juden ermordet als Deutsche getötet. Sie rief in Polen einhellige Ablehnung hervor, nicht nur unter Gross’ üblichen Kritikern. Linke und liberale Intellektuelle sowie zahlreiche Historiker wiesen die Behauptung als unhaltbar zurück.

Druck auf die Wissenschaft

Gross ist mit seinen provokant zugespitzten Thesen zum Verhalten von Polen gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zum Feindbild der polnischen Rechten avanciert. Doch seine Bücher haben eine breite öffentliche Debatte und wissenschaftliche Forschung über die Frage in Gang gesetzt, welche Mitverantwortung die polnische Gesellschaft für die Verfolgung und Ermordung von Juden trägt. Świrski geht es aber nicht um eine sachliche Auseinandersetzung. Er möchte mit juristischen oder symbolischen Strafen eine Stimme aus der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte entfernen, die die einseitig heroisierende Sicht der polnischen Geschichte stört.

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