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Polens Medienfreiheit : Hackt die Hände ab!

Meisterin der provokativen Verfremdung: die polnische Politikerin Marta Wcisło. Bild: Picture-Alliance

Die liberale polnische Abgeordnete Marta Wcisło streitet gegen Versuche der PiS-Regierung, den Fernsehsender TVN zu enteignen. Dabei bedient sie sich einer martialischen Formel.

          3 Min.

          Wenn es einen Preis gäbe für die beste Verfremdung einer Redewendung, eines Zitats, so wäre die Polin Marta Wcisło eine aussichtsreiche Kandidatin dafür. Verfremden heißt nach Bertolt Brecht, einem Vorgang „das Selbstverständliche, Einleuchtende zu nehmen und so Staunen und Neugier zu erzeugen“. Brecht schrieb: „Verfremden heißt Historisieren, heißt Vorgänge und Personen als vergänglich darzustellen.“ Ein Beispiel gibt sein Gedicht „Die Lösung“, das Brecht auf den Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR bezieht, nach dem der regimetreue Literat Kurt Barthel den protestierenden Arbeitern vorhielt, sie hätten das „Vertrauen“ der Regierung verspielt und müssten es jetzt durch „verdoppelte Arbeit zurückerobern“. Brechts gern zitierte Pointe: „Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?“

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Frau Wcisło aus dem ostpolnischen Lublin, Jahrgang 1969, die Kunst studiert hat und seit 2019 als Neuling im Parlament sitzt, bezieht sich in ihrem Spruch ebenfalls auf die Zeit der Diktatur. 1956 war es im polnischen Posen zu Protesten der Arbeiter gekommen, wie in der DDR zunächst gegen die miserablen sozialen Verhältnisse, dann auch gegen die Diktatur selbst. In der DDR ging die sowjetische Armee mit Panzern gegen die Demonstranten vor; in Polen ließ man die eigenen polnischen Panzer diese Arbeit erledigen.

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