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Diskussion um Peter Handke : Der Feind meines Feindes

  • -Aktualisiert am

Peter Handke in Wien Bild: dpa

Peter Handke hat den Nobelpreis natürlich verdient – aber er hätte ihn niemals annehmen dürfen. Mit schmeichelnden Worten hat sich der Kritiker des Westens selbst besiegt. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Weder für die Aufregung um Peter Handke noch für jene um den Nobelpreis, den er bekommen soll, gibt es einen Grund. Soweit wir Handke aus den Übersetzungen kennen, würde er jede Auszeichnung, die er für sein Werk bekäme, aus gutem Grund erhalten. Handke ist einfach ein guter Schriftsteller. Und er war das, lange bevor Jugoslawien zerfiel und die Kriege um sein Territorium und sein Erbe ausbrachen. In Serbien hat vor allem Žarko Radaković Handke übersetzt, hartnäckig und ausdauernd, seit Jahren.

          Radaković hat sich in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch selbst ernsthaft als Schriftsteller betätigt. Aber es ist interessant, dass Radaković und Handke sich Mitte der neunziger Jahre offenkundig auf zwei verschiedenen oder sogar schroff gegensätzlichen politischen Seiten befanden. Radaković in der Opposition gegen das Milošević-Regime, unter anderem durch die Entscheidung, ein Buch über einen kroatischen Künstler zu schreiben und damals in Serbien zu veröffentlichen, und Handke als leidenschaftlicher Unterstützer des Regimes. Ich glaube, dass Handke damals nicht nur Radaković überrascht hat.

          Kultur als privilegierter Ort unverdächtiger Werte

          In meinem Universum als Leser haben David Albahari, Thomas Bernhard und Peter Handke eine besondere Konstellation gebildet. Aber in den neunziger Jahren und danach schloss Handke sich für mich mit seinen politischen Auftritten und der Unterstützung für die serbischen Regimes beiderseits der Drina aus der Konstellation aus, in der ich ihn bis dahin gesehen hatte. Radaković und Albahari, sagen wir es so grob und vereinfachend, haben durch ihre Politik nicht ihre Poetik verraten.

          Handke schon, glaube ich. Was nicht bedeutet, dass er keine Auszeichnung verdient hätte unter der Annahme, dass Auszeichnungen, auch der Nobelpreis, noch irgendeinen Sinn haben, wenn sie denn je einen hatten. Selbst wenn er nichts anderes geschrieben hätte als das Drehbuch für Wim Wenders’ Film „Der Himmel über Berlin“ von 1987, hätte Handke eine Auszeichnung verdient. Und wenn das Nobelpreiskomitee den Preis an Bob Dylan verleihen konnte, kann es ihn für nur dieses eine Drehbuch ruhig auch Handke zuerkennen.

          Es ist vollkommen klar, dass dieses Komitee schon seit Jahren irrt. Weder gibt es da noch Kriterien, noch sind jene, die entscheiden, kompetent, eine Auszeichnung zu vergeben. Nach einer Reihe von Fehlschlägen und Ausflügen in andere Kulturen oder in die Populärkultur ist der Versuch, den Preis nun zurückzubringen in das Milieu der mitteleuropäischen Kultur als ungefährlichen und privilegierten Ort unverdächtiger Werte, im Grunde ärmlich. Sowohl Handke als auch Olga Tokarczuk, die Gewinnerin der nachträglich verliehenen Auszeichnung für das vergangene Jahr, sind die Verkörperung von Schriftstellern der sogenannten gelehrten, hohen Literatur. In diesem Sinne lag Handke vollkommen falsch, als er dem Komitee seinen Respekt bekundete für den Mut, ihm den Preis zuerkannt zu haben. Von Mut kann hier keine Rede sein. Um das Ansehen des Preises zurückzubringen, ist das Komitee auf Nummer Sicher gegangen.

          Das eigene Werk zunichte gemacht

          Wie dem auch sei, diese Auszeichnung ist auch eine Niederlage für Handke selbst, den selbsternannten Rebellen wider die Heuchelei der westlichen Welt. Statt den Preis abzulehnen, wie es 1964 Jean-Paul Sartre getan hatte und vor zwei Jahren fast auch Bob Dylan, hat Handke ihn angenommen und das Komitee auch noch für seinen Mut gelobt, auf diese Weise sich selbst und dem Komitee schmeichelnd. Damit hat er praktisch alles niedergetrampelt, was er zuvor gesagt und geschrieben hat. Und was ihn am Ende dazu geführt hatte, Milošević und Karadžić zu unterstützen.

          Schon seit Jahrzehnten stürzt sich Handke, in gewissem Sinne wie Noam Chomsky, der viel gründlichere und zuverlässigere Kritiker des Westens im Allgemeinen und der Vereinigten Staaten im Besonderen, auf die Doppelzüngigkeit der westlichen Länder. Er verübelt ihnen, dass sie explizit Werte unterstützen, die sie implizit – mit ihren konkreten Taten und ihrem Verhalten – grob verletzen. Dort, wo seine Kritik ein Milieu betrifft, mit dem er gut vertraut ist, kann man das Handke ebenso wenig verübeln wie Chomsky. Aber wie auch Chomsky lässt Handke sich von der verschrobenen Logik forttragen, dass der Feind seines Feindes sein Freund sei. Wenn der betrügerische Westen so einmütig gegen Miloševićs Jugoslawien aufgestanden ist, dann muss dieses Jugoslawien mit Milošević an der Spitze etwas Gutes sein, räsoniert Handke – und irrt.

          Es geht hier um eine Form intellektueller Faulheit. Handke hat, wie übrigens auch Chomsky, nicht übermäßig große Mühen darauf verwandt, sich über das Kriegsgeschehen in Jugoslawien zu informieren. Stattdessen kam er nach Serbien und sah, dass hier normale Menschen leben. Was er zu sehen erwartet hatte, wissen wir nicht. Aber die Begeisterung darüber, gesehen zu haben, dass auch in Serbien die Menschen auf zwei Beinen laufen, könnte sich auch als Reflex eines verdrängten Empfindens einer Überlegenheit äußern, der sich in eine Art Herablassung verwandelt hat.

          Deshalb sollte die serbische Episode in Handkes Biographie eher als unwesentlicher Exzess und als Teil einer allgemeineren Schlacht gesehen werden, die Handke irgendwo anders führt, und nicht als prägende Phase in seiner intellektuellen und politischen Reifung. In diesem Licht zeigt sich dann, dass Handkes intellektuelle Niederlage nicht mit seiner Verbeugung vor Milošević kam, denn das hätte man als unmaßgebliche Verirrung ansehen können. Handke ist eigentlich erst jetzt besiegt, da er eine höchst zweifelhafte Auszeichnung erhalten soll – und das natürlich nicht, weil er sie verliehen bekommen soll, sondern weil er sich dazu entschlossen hat, sie anzunehmen.

          Gekürzte Fassung eines auf dem serbischen Portal Pešćanik („Sanduhr“) erschienenen Textes. Dejan Ilić, geboren 1965 in Zemun, ist Essayist und Redakteur im Belgrader Verlag „Buchfabrik“. Zuletzt erschien von ihm „Die zwei Gesichter des Patriotismus“ (Belgrad 2016).

          Aus dem Serbischen von Michael Martens.

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