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Paul McCartneys Optimismus : Auf einmal wirkt prophetisch, wofür er schon immer stand

Paul McCartney am 18. Juni 1967, seinem 25. Geburtstag Bild: Mirrorpix

Wenn Paul McCartney auftaucht, spricht, singt, spielt: Dann sieht es so aus, als wäre eine Welt ohne Brexit, Trump, AfD möglich. Wie das geht? Whisper words of wisdom, let it be.

          Paul McCartney ist inzwischen sechsundsiebzig Jahre alt. Aber egal, wo er im Moment auch auftaucht: Es wirkt jedes Mal so, als sei er gekommen, um eine dringend benötigte Injektion von Optimismus, Lebensfreude und Mitmenschlichkeit zu verteilen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und in den letzten Monaten ist McCartney ziemlich oft irgendwo aufgetaucht. Das hatte zwar auch damit zu tun, dass er eine neue Platte aufgenommen hat, „Egypt Station“, für die er werben wollte, weswegen McCartney dann viele Interviews gab – und auch Konzerte, zum Beispiel im „Cavern Club“ von Liverpool, wo alles mit den Beatles begann. Und doch scheint es da einen Zusammenhang zwischen der gedrückten Stimmung allerorten und der Präsenz des einstigen Beatle zu geben. Am Dienstag dieser Woche erscheint nun sogar ein neues Buch von McCartney, „Less Meat, Less Heat“, heißt es, teils Öko-Manifest, teils vegetarisches Kochbuch. Auch dieses Buch, das für den freiwilligen Verzicht auf Fleisch wirbt, und selbst wenn es nur einmal die Woche wäre, will lieber mit Freundlichkeit und Charme mitreißen statt mit grimmiger Entschlossenheit. So war McCartney halt immer – nur ist daraus, in times of trouble, eine Art politische, auf jeden Fall zivilisierende Haltung geworden, etwas, das man früher immer eher seinem Partner John Lennon zugetraut hätte.

          Paul McCartneys Sanftmut aber inspiriert plötzlich auf ungeahnte Art. Er war zwar halt immer so, aber es ist grad nicht mehr so wie immer. Donald Trump mag zwar im Weißen Haus sitzen und die AfD in den Bundestag eingezogen sein, und dann noch Brexit, Syrien, Erdogan, die Krim – aber sobald McCartney irgendwo auftaucht (wie beim „Carpool Karaoke“ von James Corden im letzten Sommer, aber dazu erst später mehr) und „Let It Be“ singt, fällt es etwas schwer, daran zu zweifeln, dass am Ende doch noch alles gut ausgeht.

          Es mag auch dieser Impuls sein, mitzusingen, den seine größten Hits immer ausgelöst haben, und das ja selbst bei jenen Leuten, die es bei „Ob-la-di, Ob-la-da“ mit der Faust in der Tasche getan haben. Es ist aber auch so, dass die Dinge, für die McCartney immer schon gestanden hat, aber früher verlacht worden ist, sein Vegetarismus zum Beispiel, dass die also jetzt, im Klimawandel und angesichts des wachsenden Entsetzens über die Massentierhaltung, prophetisch wirken. McCartney war sich nie zu schade für eingängige Melodien, die Lennon als „granny music“ verspottete, Oma-Musik. Lennon ist nicht alt genug geworden, um Großvater zu sein. Aber McCartney ist das jetzt, und immer noch nicht zynisch. Und das wirkt im Augenblick, wo die Grenzen des Anstands von mächtigen Menschen wie Trump seriell gerissen werden, unwiderstehlich.

          Leicht, darüber zu lachen

          Wobei McCartneys Buch gegen die Erderwärmung, welches da jetzt auf Deutsch im Verlag Claudius erscheint (72 Seiten, zwölf Euro), schon ein ziemlicher Etikettenschwindel ist. Es handelt sich dabei nämlich nur um den Abdruck einer Rede über den Verzicht auf Fleisch aus ökologischer Vernunft, die McCartney schon 2009 im Europäischen Parlament gehalten hat, garniert mit Rezepten von drei seiner vegetarischen Lieblingsgerichte. Getoasteter Bagel mit Hummus („Mein Lieblingsfrühstück – schnell, aber auch sehr nahrhaft“), ein sogenannter Super-Gemüsesalat („Verwenden Sie Gemüse der Saison dafür!“) und Tacos mit Bohnenmus („Es macht fast genauso viel Spaß, Tacos zusammenzustellen, wie sie zu essen“).

          Leicht, darüber zu lachen – als ob der Superreiche McCartney wirklich noch darüber nachdenkt, wie schnell oder langsam es dauert, sich Frühstück zu machen. Und genauso leicht ist es auch zu sagen, dass das nun wirklich nichts Neues mehr ist mit den Gemüsen der Saison: Wo inzwischen doch jede Kantine und sogar Supermarktketten auf regionale Produkte setzen.

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