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Paul McCartneys Optimismus : Auf einmal wirkt prophetisch, wofür er schon immer stand

Berühmte Leute von Adele über Elton John und Madonna bis Barbra Streisand, so funktioniert das „Carpool Karaoke“, sitzen neben dem Moderator auf dem Beifahrersitz, fahren mit ihm durch die Gegend und singen dabei ihre größten Hits. Für McCartney war Corden nach Liverpool gekommen, die beiden fuhren dann die Penny Lane entlang und sangen „Penny Lane“, sie klingelten an der Tür zur Forthlin Road, Hausnummer 20, wo Paul als Teenager mit seinem Vater und Bruder gelebt und mit John auf dem Klo die ersten Songs geschrieben hatte – die Museumsangestellte, die den beiden öffnete, fiel erst mal kurz in Ohnmacht. Je länger McCartney und Corden in dem Reihenhaus an der Forthlin Road blieben, desto größter wurde die Traube der Fans davor. Anschließend ging es – nach viel Händeschütteln und Glückwünschen auf der Straße – weiter in einen Pub, wo McCartney dann mit seiner aktuellen Band hinter einem Vorhang wartete, um den nichtsahnenden Gästen Songs der Beatles vorzuspielen.

Da saßen junge Frauen und ältere Männer, und ältere Frauen und junge Männer, aber die Reaktion, als der Vorhang aufging und dort plötzlich McCartney mit seinem Bass stand, um „A Hard Day’s Night“ zu singen, war bei allen gleich: Sie rissen die Augen auf, erkannten McCartney sofort – und sangen alle mit. Sangen Songs, die ihnen die Eltern vorgesungen hatten. Oder sie waren selbst solche Eltern gewesen oder waren inzwischen Großeltern.

Diese ewige Lebendigkeit

Paul McCartney hat es geschafft, nicht aus der Zeit zu fallen. Als gäbe es keinen Unterschied zwischen dem Paul von damals und dem von heute, verkörpert Paul McCartney, wo er auch auftaucht, Gegenwart. Die Uhr beginnt von neuem zu laufen. Aus den berühmten, tiefliegenden Augen dieses älteren Herrn schaut einen immer noch, auch siebenundfünfzig Jahre nach „Love Me Do“, jener Junge aus Liverpool an, der nach dieser ersten Hitsingle der Beatles so viele mehr geschrieben hat. Es sind so viele Hits gewesen, dass McCartney heute zwar einer der reichsten Engländer überhaupt ist, geadelt noch dazu: Aber er wirkt eben nicht wie der Verwalter seines Ruhms, sondern wie einer, mit dem man im selben Jetzt lebt, wie der Philosoph Ernst Bloch es sagen würde. Und so fühlt sich das selbst dann an, wenn man in dem Jahr geboren wurde, als „Yesterday“ zum ersten Mal im Radio zu hören gewesen ist. Oder „Jet“ von den Wings. Oder „Say Say Say“ mit Michael Jackson. Oder „Hope of Deliverance“.

Eigenartig, diese ewige Lebendigkeit – vor allem, wenn man bedenkt, dass es ja immer eine Verschwörungstheorie gegeben hat, wonach McCartney im November 1966 gestorben und von den anderen Beatles durch einen Doppelgänger ersetzt worden ist. McCartney ist aber auch kein Überlebender der Sixties, der nur, weil er schon so lange da ist, eine Generation nach der anderen mit seinen Songs begleiten konnte, bis heute.

Und McCartney hätte gute Gründe haben können, aufzugeben, so viele Verluste, wie er einstecken musste: Der frühe Tod seiner Mutter und seiner ersten Frau Linda, das Attentat auf seinen Freund John, der Krebstod von George Harrison. Stattdessen hat McCartney es geschafft, für immer neue Generationen wie ein Gleichaltriger zu wirken.

Für die zwanzigjährigen Vegetarierinnen und freiwilligen Verzichtler von heute, die das Pathos mehr als die Ironie lieben, dürfte er wie einer von ihnen sein. Deren Eltern wiederum müssen wohl langsam, aber sicher erkennen, dass Umweltbewusstsein offenbar keine Phase im Erwachsenwerden ist, aus der man wieder herauswächst. Und die Großeltern? Paul McCartney hat schon jetzt das nächste Buch geschrieben, ein Kinderbuch, gemeinsam mit der Illustratorin Kathryn Durst. Es heißt „Hey Grandude“ und soll im September erscheinen. Es handelt von einem coolen Großvater, der mit seinen Enkeln auf Abenteuer geht. Man muss wohl Paul McCartney sein, um sich das leisten zu können.

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