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Paul McCartneys Optimismus : Auf einmal wirkt prophetisch, wofür er schon immer stand

Aber McCartney lebt nun mal schon seit 1975 so. Vegetarisch. Tierliebend. Zeitweise vollbärtig. Und er lebt genauso lang auch schon mit den Witzen, die man über ihn und Linda gemacht hat – als wären die beiden die Chefs einer peinlichen Sekte von Baumumarmern in Wollpullovern. John und Yoko, die für den Weltfrieden wochenlang in einem Hotelbett in Amsterdam herumlagen und sich den Zimmerservice kommen ließen, hat man immer ernster genommen als Paul und Linda – die mit ihren Kindern auf einem Bauernhof in Schottland lebten und Schafe hielten. Man hat John den unbeschreiblichen Kitsch von „Imagine“ auch nie so übel genommen wie McCartney seine Band Wings.

Aber inzwischen tauchen eben auch die Songs jener Band, die McCartney bald nach dem Ende der Beatles gemeinsam mit Linda gegründet hatte, in Netflix-Serien wie „Love“ von Judd Apatow auf. Wo dann komplizierte Künstlertypen in einer sehr teuren Villa in Los Angeles plötzlich auf einer Party „Jet“ nachspielen, einen Hit der Wings aus dem Jahr 1973. Es scheint, als habe McCartney nicht nur politisch, sondern auch ästhetisch recht behalten.

Vielleicht zeigt sich die eigentliche Stärke McCartneys aber auch gar nicht darin, stets gegen Zynismus immun gewesen zu sein: Offenbar hat er sogar den Rest der Welt mit sanfter Gewalt und großer Ausdauer dazu bringen können, auch nicht mehr zynisch zu sein. Oder zumindest bei allem Zynismus, der ja zweifellos gut gegen Dummheit helfen mag, nie zu vergessen, welcher Trost Songs in C-Dur sein können. Und Tierbabys und Hunde.

Der Katalog der Beatles bleibt am Leben

Jedenfalls erleben die C-Dur-Platten der Wings gerade eine Renaissance. Sie werden – wie jetzt im Dezember „Wild Life“ von 1971 und „Red Rose Speedway“ von 1973 – in kostbaren Editionen, digital überarbeitet und ergänzt um Bonusmaterial, neu aufgelegt (bei Capitol/Universal). Und denkt man an „Love“ auf Netflix, dann richten sich solche Editionen sicher nicht nur an Leute, die mit dem Hass auf die Wings (oder der Liebe für sie) aufgewachsen sind und jetzt das Geld haben, Platten nachzukaufen, die sie vor Jahren weggeschmissen haben. Sondern auch an deren Kinder und Enkel.

Das eine ist dieses Charisma einer klassensprecherhaften Lauterkeit, die Paul McCartney bis heute umgibt. Und ihn nicht altern lässt. Das andere ist aber, dass seine Songs deswegen so alterslos lebendig wirken, weil sie immer schon den Reiz von Kinderliedern besessen haben. Weswegen auch immer neue Kinder mit „Ob-la-di, Ob-la-da“, „Yellow Submarine“ oder „Hey Jude“ aufwachsen. Und der Katalog der Beatles so von Generation zu Generation weitergereicht wird. Und am Leben bleibt.

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Was das bedeutet, konnte man vor Monaten schön beobachten, als McCartney zu Gast beim „Carpool Karaoke“ des Talkshowmoderators James Corden war – und der Clip sich in den sozialen Medien und darüber hinaus in Rekordgeschwindigkeit verbreitete. Es gibt ja Horrorfilme, bei denen das Böse in Form einer Videokassette umhergeht, welche Monster erweckt, wenn sie abgespielt wird. Bei McCartney im „Carpool Karaoke“ war es im Gegenteil so, dass der Glaube an den Weltfrieden, die Rettung des Planeten und das baldige Ende der AfD in dem Maße erstarkte, indem das Video geklickt, verlinkt und gefeiert wurde.

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