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Neo-Broker erobern den Markt : Per Flatrate in den Ruin

Es geht bergab: Fallen die Kurse, bewahrt man besser einen kühlen Kopf. Bild: Reuters

Hauptsache, die App lässt Konfetti regnen: Die Generation der Millennials entdeckt das Zocken an der Börse. Sie verwechselt dabei Spiel und Ernst.

          5 Min.

          Dem Risikoreich der Neo-Broker, die den Börsenhandel per App zum kinderleichten Spielfeld für jedermann machen, nähert man sich für gewöhnlich harmlos an. Etwa, indem man einen Fitnesstracker am Handgelenk trägt. Einen digitalen Wächter, der jede genommene Stufe und jeden einzelnen Schritt aufzeichnet und, sobald man sein Ziel erreicht hat, vibriert. Da der Mensch Belohnungen liebt, leuchtet auf dem kleinen Display ein goldener Pokal auf. Der Applaus des Geräts kann sich tatsächlich befriedigender als gedacht anfühlen, fast ein wenig so, als habe man bei den Bundesjugendspielen eine Ehrenurkunde gewonnen. Andere lassen sich vielleicht von einer Sternchen verteilenden Lern-App motivieren. Auch Tinder führt ja über das Spielerische, maximal unromantische Swipen nach rechts oder links zu einer Belohnung („it’s a match!“).

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Implementierung spielerischer Elemente in spielfremde Umgebungen – Gamification genannt – begegnet man immerzu, jedenfalls hat man den Eindruck, dass mittlerweile so gut wie jeder Lebensbereich per digitaler Innovation zum Spiel umfunktioniert wurde beziehungsweise werden soll. Liebe, Bildung, Ernährung, Fitness: überall locken virtuell zu erobernde Pokale, Medaillen, Punkte und Abzeichen. Je nach Anwendung tritt man gegen sich selbst beziehungsweise seinen digitalen Begleiter oder eben gegen eine Community an.

          Traden für 2,99 Euro pro Monat

          Erstaunlicherweise hat es – zumindest hierzulande – relativ lange gedauert, bis auch das Zocken an der Börse endgültig zum sekundenschnellen Spiel geworden ist, an dem jeder, der ein Smartphone hat, teilnehmen kann. Man lädt sich einfach eine App herunter und spekuliert drauflos. Weil die Gebühren lächerlich niedrig sind wie etwa bei Scalable Capital, einem erfolgreichen Fintech aus München, dessen Trading-Flatrate 2,99 pro Monat kostet, lohnt es sich auch, ein paar hundert Euro oder weniger zu investieren. Zielgruppe sind die mit Gamification-Elementen bestens vertrauten Millennials. Enthusiasten sprechen von der Demokratisierung des Börsenhandels, während Kritiker Neulinge auf dem virtuellen Börsenparkett sowie Zockerfreunde, die glauben, langfristige Finanzstrategien und Diversifizierung des Portfolios seien etwas für Angsthasen, eindringlich vor dem finanziellen Ruin warnen. Eine amerikanische Finanzexpertin sagte, das Spekulieren per App sei in etwa so, als drücke man einem Zwölfjährigen die Schlüssel für einen Sportwagen in die Hand.

          Lange bevor das Internet erfunden wurde, schrieb der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga, der das Spiel als kulturgestaltende Kraft begriff, sein Buch „Homo ludens: Vom Ursprung der Kultur im Spiel.“ Das Spiel definierte er als „freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgelegter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des Anderssein als das gewöhnliche Leben.“ Wer spielt, durchbricht den Alltag oder er optimiert ihn, je nach Perspektive und Spiel.

          Kasinokapitalismus

          Das Spiel kann bekanntlich auch unglückselige Kräfte entfalten, den Spielenden vereinnahmen, ihn süchtig machen und unablässig zum Roulettetisch ziehen, wie Dostojewskis Spieler Alexej Iwanowitsch, dessen Schicksalsort das Kasino im Kurort Roulettenburg ist. „Vielleicht wird die Seele, die so viele Empfindungen durchmacht, von diesen nicht gesättigt, sondern nur gereizt und verlangt nach neuen, immer stärkeren und stärkeren Empfindungen bis zur vollständigen Erschöpfung“, sagt Iwanowitsch in einer Szene. Doch selbst diese Erschöpfung setzt der Spielsucht kein Ende. „Und wenn es nach dem Spielreglement gestattet wäre, fünfzigtausend Gulden mit einem Male zu setzen, so hätte ich sie sicherlich gesetzt.“

          Je mehr man dem bloßen Spiel sein Leben unterwirft, desto stärker tritt der Spaß in den Hintergrund, desto ernster wird die Angelegenheit. Dann geht es tatsächlich nur noch ums Gewinnen. Gemünzt auf die Gamification im Fitness-App-Kosmos heißt das zum Beispiel: Wer trotz Knieschmerzen joggen geht, beendet den täglichen Wettkampf vielleicht zahlenmäßig erfolgreich, aber gesundheitlich angeschlagen. Selbst schuld sagt der, der sich vom Sog des Wettkampfs nicht so leicht mitreißen lässt. Doch empfänglich fürs Spiel und die damit verbundene Spannung sind wir ja alle. Spannung, so Huizinga, bedeute Ungewissheit und Chance. „Es ist ein Streben nach Entspannung. Mit einer gewissen Anspannung muss etwas ,glücken‘.“ Dieses Element sei bereits da, wenn ein Säugling mit seinen Händchen zugreife, wenn ein Kätzchen mit einer Zwirnrolle spiele, wenn ein kleines Mädchen den Ball fange und werfe.

          Studien zeigen, dass die Überzeugung, etwas müsse glücken, wie Huizinga es formulierte, insbesondere unter Spekulanten weit verbreitet ist. Diese Selbstüberschätzung verleitet zu riskantem Kaufverhalten. Hinzu kommt die Neigung, dass Anleger, weil Verluste stärker schmerzen, als Gewinne beglücken, fallende Aktien behalten, anstatt sie abzustoßen, und Gewinne vorschnell realisieren.

          Impulsive und angstgetriebene Charaktere dürften auf Dauer also sehr wenig Spaß mit einer App haben, die das Traden per Flatrate oder gar kostenlos anbietet wie der bekannteste und umstrittenste Neo-Broker in den Vereinigten Staaten: Robinhood. Seit Jahresbeginn und durch die Corona-Pandemie befeuert hat das Unternehmen mehr als drei Millionen vor allem junge Neukunden gewonnen. Die Hälfte davon spekuliert erstmals an der Börse.

           „It’s like Tinder“

          Die kostenlose, im Stil eines Computerspiels daherkommende Trading-App ist leicht bedienbar und belohnt gelungene Trades mit einem Konfettiregen, was einem bei der Sparkasse eher nicht passiert. „It’s like Tinder“, sagte ein amerikanischer Influencer. Man kann es auch die neoliberale Pervertierung des Spielgedankens nennen. Beim einst verteufelten Kasino-Kapitalismus will nun offenbar vor allem die junge, von den Corona-Beschränkungen gelangweilte Generation mitmischen. Inspirieren lassen sich dabei viele Daytrader von dem Gründer des Sportwetten-Portals Barstool Sports und Internet-Star Dave Portnoy, der aus seiner Ahnungslosigkeit nicht nur einen Running Gag gemacht hat, sondern sie auch gleich zum Erfolgsmodell seiner Zockerei erklärte. Ende Juli twitterte Portnoy, der 1,8 Millionen Follower hat: „Ich habe versehentlich für 150.000 Dollar Aktien der Firma Lemonade gekauft. Keine Ahnung, was das ist. Ich kann nur vermuten, dass es etwas mit Limonadenständen zu tun hat.“ Lemonade ist ein Versicherungsunternehmen.

          Handeln kann man nicht nur mit Aktien, sondern auch mit hochkomplizierten Finanzprodukten. Selbst auf Pump zu spekulieren ist bei Robinhood möglich. Zu den risikoaffinen Hobby-Spekulanten gehörte auch der College-Student Alex Kearns. Während des Lockdowns verfiel er wie viele andere ahnungslose Privatanleger dem Daytrading. Als ihm im Juni seine Robinhood-App aus ungeklärten Gründen ein Minus von mehr als 730.000 Dollar anzeigte, interpretierte Kearns die Summe fälschlicherweise als realen Verlust – und beging Selbstmord.

          Ist das jetzt Schwarmintelligenz?

          Gamification ist selbstredend weder per se gut noch schlecht. Wie sehr man sich motivieren oder verführen lässt, hängt vom Kontext und vom Charakter ab. Dennis Kundisch von der Universität Paderborn, der zum Thema Gamification forscht, hat mit seinem Team eine App entwickelt, die prokrastinierende Studenten zum Lernen bewegen soll. Sie heißt StudyNow, und Studenten können darin ihre Aktivitäten wie Vorlesungsbesuche, Hausaufgabenvorbereitung etc. vermerken. Jede „Lernaktivität“ hat drei Stufen: Rot: „Noch nichts gemacht“, Gelb: „Angeschaut, aber den Inhalt muss ich wiederholen“ und Grün: „Fertig vorbereitet für die Prüfung“. Kundisch sagt, dass es bei den Studenten, die die App benutzen, gut funktioniere, was nicht heiße, dass sich der Erfolg auf Studenten anderer Universitäten übertragen lässt. Das Geschäft der Neo-Broker sieht er kritisch. Der Anteil der per App gehandelten Volumen sei zwar im Vergleich zu der Gesamtzahl an Transaktionen noch sehr klein, „aber je mehr Menschen Gefallen an dieser Art des Zockens finden, desto stärker sind die – möglicherweise auch unerwünschten – Auswirkungen auf die Realwirtschaft“.

          Kürzlich stürzten sich nach der Meldung eines in Aussicht stehenden gigantischen Kredits Robinhood-Trader auf die Aktie des Fotoherstellers Kodak, und der Kurs schoss nach oben, bevor er schnell wieder fiel. Um Anleger zum Investieren anzustacheln, zeigt Robinhood seinen Kunden, welche Aktien gerade im Trend liegen. Schwarmintelligenz? Nein, Schwarmdummheit.

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