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Auf dem Pferd nach Rom : Was einen reitenden Philosophen an Deutschland begeistert

Ted-Kennedy-Lookalike: Der französische Philosoph Gaspard Koenig posiert neben Stute Destinada. Bild: Fotos Élodie Grégoire

Auf der Suche nach dem europäischen Humanismus: Der französische Philosoph Gaspard Koenig reist wie einst Montaigne zu Pferd nach Rom – auf seiner Stute Destinada.

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          Er schwärmt von Deutschland, seinen „herrlichen intakten Landschaften“, seinen Dialekten und dem Mittelstand. Von den Dörfern mit fünfhundert Einwohnern, in denen man in Frankreich vor Hunger und aus Langeweile sterben kann, weil es keine Bistros mehr gibt und die „in Deutschland über einen Biergarten verfügen“. Auch die Wege haben es ihm angetan, sie sind viel seltener als zu Hause privatisiert, wo – etwa in der Sologne – Domänen mit Stacheldraht abgeriegelt würden.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Gaspard Koenig, Jahrgang 1982, ist ein bekannter Pariser Philosoph und eine Ausnahmeerscheinung: Er bekennt sich zum Liberalismus. Koenig hat Romane und Essays geschrieben, eine Zeit lang auch die Reden von Christine Lagarde. Wegen seiner Ähnlichkeit mit Ted Kennedy verkörperte er in einem Film den amerikanischen Politiker. „Reisen eines Philosophen ins Land der Freiheit“ führten ihn zu Hackern in Berlin und Unternehmern in Ruanda. Zuletzt veröffentlichte er „Das Ende des Individuums“, einen Bericht von einer Expedition in die Künstliche Intelligenz. „Der Ausflug in die Künstliche Intelligenz hatte mich deprimiert“, erzählt er. „Wenn man in China einen Park besuchen will, muss man sich über eine App anmelden. Ich bin sehr technikfreundlich. Aber die Art und Weise, wie wir von den Algorithmen manipuliert werden, ist eine Entmenschlichung.“ Liberalismus bedeute für ihn, „dass jeder Mensch einzigartig ist“.

          Seit dem 22. Juni keine Zeitung mehr gelesen

          Seit Ende Juni reist er auf den Spuren Montaignes von Bordeaux nach Rom – mit einem Pferd, zweieinhalbtausend Kilometer. So wie es der Autor der „Essais“ 1580 bis 1581 unternommen hatte. Gegenwärtig befindet sich Koenig in der Gegend von Augsburg, nach einem Unfall in sumpfigem Gelände braucht seine Stute Destinada ein paar Tage Erholung. Unterkunft findet er bei Einheimischen – oft spontan. In Frankreich hat er auch mal in einem Altersheim übernachtet. Eine großbürgerliche Dame lud ihn zum Mittagessen ein und erlaubte seinem Pferd den Gang durch die gute Stube, damit es in den schattigen Garten gelangen konnte.

          „Das Pferd weckt bei den Leuten nostalgische Gefühle und trifft auf große Sympathien“, beschreibt Koenig seine Erfahrungen: Es öffne ihm auch die Herzen der Menschen. Auf Hilfsbereitschaft ist er tagtäglich angewiesen. „Man stellt sich nicht vor, wie groß sie ist.“ Extrem abhängig sei man mit einem Pferd – und gleichzeitig sehr frei. Freilich, in die Schweiz durfte er nicht einreiten. Montaigne hatte wegen der Pest auf den Besuch von Zürich verzichten müssen. In Basel aber war er sehr willkommen gewesen. Seinem reitenden Verehrer Koenig verweigerte der Beamte am Zoll die Einreise trotz einer Ein- und Ausfuhrbescheinigung für das Pferd.

          Koenig nutzt ein Navigationssystem, das ihn nicht lokalisieren kann: „Niemand weiß, wo ich bin.“ Auch bei der Bestimmung der Pflanzen und Bäume hilft ihm eine App. Den ganzen Montaigne hat er auf dem Kindle gespeichert, aber seit dem 22. Juni keine Zeitung mehr gelesen. Vom neuerlichen Attentat auf „Charlie Hebdo“ erfuhr er am Tag danach von seinen Gastgebern: „Diese Reise stimmt mich optimistisch. Die Menschen reden nie von dem, was in den Medien vorkommt. In Paris gab es kein Diner, bei dem nicht von Macron die Rede war. In den zweieinhalb Monaten, die ich Frankreich durchquerte, sprach ich mit Hunderten von Menschen. Nie hat jemand, ich schwöre es, Macron erwähnt.“

          Auf seiner Reise hatte Michel de Montaigne erfahren, dass er zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt worden war. Koenig sind politische Ambitionen keineswegs fremd. Er war auch schon Kandidat und leitet den Think Tank „Generation frei“. Wie Montaigne wird er seinen Reisebericht veröffentlichen, einzelne Reportagen erscheinen bereits im Nachrichtenmagazin „Le Point“. Sie sind ein Lob auf die Provinz und Deutschland, das zeitgenössische deutsche Leser wohl als etwas anachronistisch und idyllisch empfinden werden. Ob es sie verstören wird wie Friedrich Sieburgs „Gott in Frankreich“ vor einem Jahrhundert die Franzosen irritierte?

          „Sie machen die Bürger wahnsinnig“

          Gaspard Koenig berichtet von seiner Übernachtung auf einem kleinen Hof in Baden-Württemberg, in dem drei Generationen zusammenwohnen. Beim Abendessen erfuhr er, dass die drei Söhne allesamt Ingenieure sind und ganz in der Nähe arbeiten. Den tiefen Graben zwischen der ländlichen und der wirtschaftlich produktiven Welt, den er in Frankreich beobachtet hat, gibt es hier nicht. Die Synthese zwischen Folklore und Globalisierung ist gelungen. Deutschland, schwärmt er, habe es verstanden, die regionale Identität mit anderen Identitäten – „auch der nationalen“ – harmonisch zu kombinieren.

          Ende Oktober wird ihn sein Weg nach Rom führen. Eine politische Bilanz seiner Bildungsreise kann er bereits ziehen. Die von Macron geforderte Harmonisierung der Steuer- und Sozialsysteme hat der überzeugte Europäer, der sich auch schon als „liberaler Jakobiner“ bezeichnete, als falsch erkannt: „Sie machen die Bürger wahnsinnig. Wenn man das durchzieht, ist Europa zum Scheitern verurteilt.“

          Die Menschen, diese Erfahrung hat der Philosoph auf seiner „Suche nach dem europäischen Humanismus“ gemacht, wollen keineswegs alle gleich sein und die gleichen Rechte haben. „Aber sie wollen über ihr Schicksal bestimmen. In Deutschland wie in Frankreich haben Bäcker, Bauarbeiter, Bauern den Eindruck, Normen gehorchen zu müssen, die sie als groteske Behinderung empfinden. Die Bauern wurden verbeamtet, sie dürfen nicht einmal mehr selbst entscheiden, was sie auf ihren Feldern anpflanzen. Einer hat mir gesagt: Das Leben unserer Vorfahren war härter, aber sie waren freier.“

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