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Kreative in der Corona-Krise : Selbst ist der Künstler

Sie weiß sich zu helfen: Judith Holofernes. Bild: schaferbochemoller

Kreative treibt der Shutdown in den Ruin. Es gibt Geld vom Staat, aber nicht für alle. Viele versuchen es auf eigene Faust. Dafür brauchen sie nur Publikum.

          6 Min.

          So luxuriös wie der Städelschüler Nicholas Warburg ist wohl kaum ein anderer Kreativer hierzulande in die Corona-Krise geglitten: Eine im Ausland lebende Tante des Kunststudenten hatte im März in einem Frankfurter Nobelhotel absteigen wollen. Weil ihr Flug gecancelt wurde, änderte sie den Namen in der Zimmerbuchung auf den ihres Neffen. Zwei Tage wohl gebettet in der Fünf-Sterne-Suite inklusive Room-Service kann schließlich jeder gebrauchen, vor allem, wenn er mit seiner Berufswahl das Risiko einer prekären Existenz eingeht. Kurz nachdem Warburg eingecheckt hatte, musste er sich auf Covid-19 testen lassen. Eine Freundin war erkrankt. Auch bei ihm fiel der Test positiv aus. Er habe keine andere Bleibe in der Stadt, ließ er das Hotelpersonal wissen – und blieb zehn Tage, ohne einen Cent zu zahlen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          In dieser Zeit entstand eine Serie apokalyptischer Schwarz-Weiß-Zeichnungen und Schriftbilder auf Hotelbriefpapier: dunkle Stadtsilhouetten, verbale Wutausbrüche. Warburg nannte sie „Notizen aus der Edelquarantäne“ und fand prompt einen Aussteller. Zu sehen sind sie in der Galerie CK-Offspace – auf Instagram. Die von Christian Kölbl gegründete Online-Galerie simuliert mit einfachen Mitteln einen Ausstellungsraum im Internet. In der gegenwärtigen Situation erscheint das als eine der besten Möglichkeiten. Galerienverbände rechnen mit einem Massenverlust ihrer Mitglieder; große Kunstmessen und Veranstaltungen wie die Art Cologne oder das Berliner Gallery Weekend sind gestrichen, die Art Basel in der Hoffnung auf bessere Zeiten verschoben. Das Publikum ist noch längst nicht wieder so mobil wie vor Corona. Auktionshäuser verlagern ins Netz, was geht. Museen und Ausstellungshallen öffnen erst zaghaft wieder, und niemand weiß, wie hart der gesamtwirtschaftliche Schaden, den das Virus weltweit anrichtet, auf die Existenzgrundlage von Gegenwartskünstlern durchschlagen wird – und das in allen Sparten.

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