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Gewalt gegen Frauen : Wer steht hier eigentlich am Pranger?

Das Model Gina-Lisa Lohfink ist wegen Falschaussage angeklagt. Bild: dpa

Wenn eine Frau Gewalt anzeigt, behandeln Öffentlichkeit und Gerichte sie oft fürchterlich. Selbst Prominenz hilft dabei nicht, wie die aktuellen Beispiele Kesha, Amber Heard und Gina-Lisa Lohfink zeigen.

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          Die Beweislast liegt beim Opfer. Diese eherne Regel unserer Gerichtsbarkeit führt ganz sicher dazu, dass viele Verbrecher straffrei ausgehen, ist jedoch das kleinstmögliche Übel. Deshalb sind es die Opfer, die Zeugen brauchen, Fotos oder Videos von der Tat, schriftliche Aufzeichnungen. Dann werden die Täter verurteilt - oder nicht. Manchmal wird stattdessen das Opfer verurteilt, trotz aller Beweise, von der Öffentlichkeit, von den Medien oder gleich von den Gerichten.

          Besonders häufig kommt das vor, wenn prominente Frauen Gewalt anzeigen. Drei solcher Fälle stehen aktuell vor Gericht: Die bekannte Popsängerin Kesha bekräftigte vergangene Woche unter Eid, ihr langjähriger Produzent habe sie immer wieder vergewaltigt und seelisch misshandelt. Am 17. Juni trifft die Schauspielerin Amber Heard vor Gericht auf ihren Ehemann und Kollegen Johnny Depp, dem sie vorwirft, sie mehrfach geschlagen zu haben. In Berlin wird am 27. Juni der Prozess gegen das Model Gina-Lisa Lohfink fortgeführt. Gegen sie, nicht gegen die beiden Männer, die ein Video ins Internet gestellt haben, auf dem zu sehen ist, wie Lohfink völlig regungslos daliegt und mehrfach „Hör auf“ sagt, während beide mit ihr Sex haben. Das sei keine Vergewaltigung unter K.-o.-Tropfen, heißt es. Weil Lohfink das anders sah, wurde sie wegen Falschverdächtigung verurteilt. Sie legte Berufung ein. Die Männer bleiben straffrei.

          Sängerin Kesha erschien im Februar erstmals vor Gericht, um ihren Produzenten anzuklagen.
          Sängerin Kesha erschien im Februar erstmals vor Gericht, um ihren Produzenten anzuklagen. : Bild: AP

          In allen drei Fällen reagierte die Öffentlichkeit heftig. Bei Kesha hieß es sogleich, sie wolle offensichtlich ihren Plattenvertrag loswerden und beschuldige daher ihren Produzenten Lukasz Gottwald, bekannt als Dr. Luke. Er erklärte, sie sei wie eine kleine Schwester für ihn gewesen, deshalb könne er die Vorwürfe nicht verstehen. Warum sie jemanden einer solchen Tat bezichtigen sollte, der ihr so harmlos nahegestanden, fragt keiner. Erschwerend kam hinzu, dass die Neunundzwanzigjährige vorher eine sexuelle Beziehung zu Dr. Luke geleugnet hatte, was sie später mit dem emotionalen Missbrauch durch den Produzenten erklärte.

          Amber Heard war erst ein Jahr mit Johnny Depp verheiratet, als sie nicht nur die Scheidung einreichte, sondern auch eine einstweilige Verfügung gegen den Schauspieler erwirkte. Derzeit muss Depp mindestens hundert Meter Abstand von ihr halten. Heard legte dem Gericht vierzig Seiten Tagebuchprotokolle der Misshandlungen vor, zeigte Fotos von Blutergüssen und einen SMS-Verlauf mit dem Assistenten ihres Ehemannes, Stephen Deuters. Darin fordert er sie auf, bei Depp zu bleiben, und berichtet ihr von dessen Reue nach den Misshandlungen. Deuters erklärte, die SMS seien Fälschungen. Ein Gutachter stufte sie vor wenigen Tagen als echt ein. Unterdessen bot sich die Fotografin Tillett Wright, eine Freundin von Heard, auf Twitter öffentlich als Zeugin an. Was titelten die Gazetten? Nicht: Misshandlungsvorwürfe. Sondern: Rosenkrieg. Der Blätterwald warf der dreißig Jahre alten Heard vor, sie wolle auf diese Weise mehr Geld erstreiten, als ihr bei der Scheidung sonst zustünde. Außerdem wolle sie von Johnny Depps Ruhm profitieren, der als Schauspieler ungleich erfolgreicher ist als sie.

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