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Widerstand in Russland : Befreiungsschlag im tiefen Wald

Sie betreiben aggressive Volksaufklärung, verhöhnen den frommen Heroismus und verstehen „Tussi“ als ehrenwerten Kampfbegriff: Wie junge Russinnen das System Putin herausfordern.

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          Wer vom rechten Weg abkommt oder aus der Gesellschaft flieht, verirrt sich gern im Wald. Russland ist infolge widriger Umstände, aber auch dank eigener Bemühungen vom Pfad der Entwicklungspartnerschaften abgebogen, hat sich ins Gebüsch trotziger Souveränität geschlagen, dadurch aber auch seine Zukunftsperspektive eingebüßt. Der Künstler Alexej Kallima vergegenwärtigt in seiner neuen Arbeit diesen Zustand visuell als allumfassendes, bunt schillerndes bis finsteres Dickicht, dem man nicht entrinnen kann. Dazu schlug Kallima in der Moskauer Galerie „Regina“ den gesamten Schausaal mit Vinylstoff aus, den er mit einer variationsreichen, aber lückenlosen Phalanx aus Laub- und Nadelbäumen bemalte.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Auf der Hauptfront versperren gekippte Birkenstämme die Bildtiefe, an den Seiten leuchtet das Laub vielfarbig wie auf Kirchenfenstern, im Mittelgang ragen weiß bemützte Fichten aus der nur mit Vogelfuß-Hieroglyphen beschrifteten leeren Fläche. Dieser Symbolraum kultureller Verwilderung, aber auch des Rückzugs nach innen, den Kallima psychedelisch „Psi“ taufte, wurde zum beliebten Selfie-Hintergrund.

          Eine neuen Generation von Politikerinnen

          Die prekäre Lage mobilisiert zugleich frische Kräfte, insbesondere bei einer neuen Generation von Politikerinnen. In der zentralrussischen Stadt Kursk hat die sechsundzwanzig Jahre alte Duma-Deputierte Olga Li in einem Youtube-Video Präsident Putin eine verbrecherische Verschwörung gegen das eigene Volk vorgeworfen, die zum Genozid führe. Li, eine Reporterin, die die Regionalzeitung „Volksjournalist“ leitet, erklärt, Putins Politik habe das Finanzsystem zerstört, seine kriminellen Gewaltdienstkumpane raubten ungestraft den Staatshaushalt aus und verwandelten das Land in eine Strafkolonie.

          Die Deputierte Li, die ihre Videoansprachen mit „Verehrte Mitbürger und Widersacher“ eröffnet, versichert, Putins angebliche Popularität sei eine Fiktion, in der Region Kursk lägen seine Zustimmungswerte bei allenfalls fünfundzwanzig Prozent – eingeschüchterte Staatsangestellte mit einberechnet. Li organisiert Demonstrationen gegen überhöhte Kommunaltarife und erreichte, dass korrupte Beamte der Staatsanwaltschaft und der Steuerbehörde entlassen wurden. Sie wird aber auch bedroht.

          Maria Baronowa, Journalistin und Leiterin der Menschenrechtsabteilung der Stiftung des exilierten Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski.
          Maria Baronowa, Journalistin und Leiterin der Menschenrechtsabteilung der Stiftung des exilierten Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski. : Bild: Jeremy Nicholl/laif

          Auch zur Staatsdumawahl dieses Jahr tritt eine weibliche Alternative an. In Moskau etwa die einunddreißig Jahre alte Journalistin Maria Baronowa, die die Menschenrechtsabteilung der Stiftung des exilierten Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski leitet und die De-facto-Abschaffung der russischen Verfassung verhindern will. Ihr Ziel sei es, so Baronowa, Landsleute, die auswandern wollen, davon abzubringen und emigrierte Russen zu ermuntern, in die Heimat zurückzukehren. In Petersburg kandidiert die sechsundzwanzig Jahre alte Natalja Grjasnewitsch, die dort die Chodorkowski-Stiftung vertritt.

          Eine kampferprobte junge Frau

          Grjasnewitsch, ein Mitglied der demokratischen Oppositionspartei „Parnas“, ficht für mehr Transparenz des Staatshaushalts, insbesondere beim öffentlichen Verkehr. Die junge Frau ist kampferprobt: Ende vorigen Jahres wurde ihre Wohnung durchsucht, wohl um sie einzuschüchtern. Sechs Fahndungsbeamte durchwühlten jeden Schrank, konfiszierten Computer, Telefone, Dokumente, Fotos, Notizbücher. Das gehört heute dazu, alle Mitarbeiter von Korruptionsbekämpfer Alexej Navalnyj mussten Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen. Sie wisse um die Risiken, rechne mit weiteren Durchsuchungen und Provokationen, sagt Grjasnewitsch. Doch das schrecke sie nicht.

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