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Kölner Übergriffe : Prinzip Columbo, nicht Prinzip Tatort

Hier braucht es nüchterne Aufklärung: Polizisten am Kölner Tatort, dem Hauptbahnhof Bild: dpa

Die Kölner Silvesternacht muss man bis auf weiteres als Angelegenheit der Polizei betrachten. Halten wir’s mit Olaf Scholz und denken hanseatisch-nüchtern.

          Die ganze Lage in einem Satz – geht das? Ja, auf gut hanseatisch geht dieser Satz so: „Es ist nicht so wichtig, woher sie kommen. Aber es ist wichtig, dass wir wissen, wo sie jetzt sind.“ Das sagte Olaf Scholz, Erster Bürgermeister in Hamburg, über die Täter der Silvester-Nacht in seiner Stadt; dasselbe ließe sich für Köln und Stuttgart sagen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Schlagartig beleuchtet dieser Satz die Diskrepanz zwischen heißgelaufener Deutungsmaschinerie und der Leere im Auge des Orkans. Innenminister Thomas de Maizière beschreibt diese Leere am fünften Tag nach den gewalttätigen Übergriffen gegen Frauen (bestohlen, sexuell brutal bedrängt und in zwei angezeigten Fällen vergewaltigt) so: „Wer die Täter im einzelnen waren, dazu liegen bisher keine belastbaren Informationen vor.“ Noch direkter drückte es am selben Tag der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers aus: „Wir haben derzeit keine Erkenntnisse über die Täter.“

          Keine Erkenntnisse. Aber ein Wust von Meinungen, groß- wie kleinkalibrige, verschwörungstheoretische, volkspädagogische, bestenfalls in Frageform vom Typ „Wie kann es sein, dass...?“ Kurz gesagt und im „Bild“-Zitat von gestern lautet die unfassbare Silvester-Bilanz: „Hunderte Täter, 118 Anzeigen, null Verdächtige“. (Ob es Hunderte waren oder 100 bis 150, die sich nach polizeilicher Schätzung auf die Frauen stürzten, ändert nicht viel am bestürzenden Faktum „Anzeige gegen Unbekannt“: Wir wissen nicht, wo sie jetzt sind).

          Konjunktiv oder Indikativ?

          Leugnet Olaf Scholz das nordafrikanisch-arabische Aussehen der Täter, wie es von Opfern und Zeugen übereinstimmend zu Protokoll gegeben wurde? Nein, wie könnte er? Seine Darlegung des unsäglichen Geschehens stellt, wie wir gleich sehen werden, noch nicht einmal in Abrede, dass es zwischen den religiös-kulturellen Prägungen der (nicht bekannten) Täter und den frauenverachtenden Ausschreitungen einen Zusammenhang geben mag. Er hält bloß dafür, sich an die Fakten zu halten und ihre Auslegung nicht wuchern zu lassen: Welche Fragen geben die Fakten her und welche gerade nicht? Natürlich muss es, um zu vernünftigen Fragen zu kommen, Raum für (psychologische, soziale, kulturelle) Spekulation geben (schon um die unvernünftigen Fragen auszuschließen). Darin liegt das Moment der Unbestimmtheit in der Orientierung zum Handeln. In unklarer Lage stellen sich Plausibilitäten nun einmal nur schrittweise ein, in der versuchsweisen Herstellung von Zusammenhängen. „Wir haben jetzt ein Puzzle und fangen bei Null an“, stellte Kölns leitender Polizeidirektor Michael Temme fest. Bei Null. Wie lange wird man bei dieser Null stehenbleiben?

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