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Geschichte des Autos : Als Hitler die Idee für den Käfer stahl

  • -Aktualisiert am

Der legendäre Lucca-Wagen der Auto-Union aus dem Jahr 1935 Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarch

Hat der jüdische Ingenieur Paul Jaray die Form des Volkswagens erfunden – und wurde er deshalb vom Dritten Reich aus der Geschichte gestrichen? Eine Ausstellung in Venedig weiß die Antwort.

          6 Min.

          Es gibt wenige Orte, an denen man einen Supersportwagen weniger erwarten würde, als mitten in Venedig. Die italienische Stadt hat dem Siegeszug des Autos am entschlossensten widerstanden, und die Ideen des Künstlers Paco Marcial, in dessen Fotomontagenzyklus „24 hours of Venice“ die Kanäle mit Rennstrecken überbaut sind und ein Lamborghini Countach über den Markusplatz rast, halten die Meisten für einen finsteren Scherz. Aber jetzt steht dort tatsächlich ein Sportwagen - und zwar nicht irgendeiner. Das Ding sieht aus wie ein Blechdrache, ein langschweifiges Phantasiewesen mit einer Kabine, die an einen Ritterhelm erinnert, und einem Schweif aus Aluminium.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist ein Nachbau des legendären Lucca-Wagens der Auto-Union – des Hochgeschwindigkeitsautos, mit dem der Rennfahrer Hans Stuck am 15. Februar 1935 auf der Schnellstraße zwischen Pisa und Florenz bei Lucca eine Geschwindigkeit von deutlich mehr als 300 Stundenkilometern erreichte. Das Auto parkt in einer der interessantesten Ausstellungen dieses Herbstes, in der es nicht nur um Autos geht, sondern auch darum, wie eng Design, Kunst und Wissenschaft in der Moderne einmal verflochten waren – und wie dicht Hoffnungen und Abgründe im 20. Jahrhundert beieinanderlagen.

          Zeichnungen von Hans Erni, zwei Objekte und zwei Autos im Windkanal, um 1933
          Zeichnungen von Hans Erni, zwei Objekte und zwei Autos im Windkanal, um 1933 : Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarch

          Es sei nämlich so gewesen, sagt Wolfgang Scheppe, der Kurator dieser Ausstellung, dass Joseph Goebbels damals höchstpersönlich auf einer Automesse erschienen sei und die Schilder mit dem Namen Paul Jaray von den Autos habe entfernen lassen – weil es für die Nationalsozialisten nicht erträglich war, dass all die Sport- und Rennwagen, mit denen der Nationalsozialismus der Welt seine technische Überlegenheit demonstrieren wollte, und auch Hitlers Volkswagen und überhaupt fast alles, was elegant und schnell über Hitlers Autobahnen schoss, sich den Forschungen eines genialen jüdischen Erfinders verdankte.

          Paul Jaray verließ sich auf die reine Mathematik

          An der Wand neben dem Sportwagen hängt ein Foto, das Hans Stuck mit seinem Auto zeigt; im Vordergrund steht, im Leopardenfellmantel, seine Frau Paula von Reznicek. Sie war eine der weltbesten Tennisspielerinnen ihrer Zeit und Schriftstellerin und außerdem die Tochter eines jüdischen Bankiers; von den Nationalsozialisten wurde sie zähneknirschend akzeptiert, weil der Vorzeigerennfahrer Stuck nun mal unbedingt mit ihr verheiratet sein wollte. Viel weniger aushaltbar erschien ihnen die Rolle von Paul Jaray. Und so kam es, dass dieser Leonardo da Vinci des 20. Jahrhunderts, der das Autodesign geprägt hatte wie kein anderer, der schon in den Dreißigerjahren forderte, regenerative Energiequellen zu erschließen, und 1925 den „Bildfunk“, eine Vorform des Faxgeräts, erfand, so gründlich aus der Geschichte gestrichen wurde, dass sein Name sogar heute nur noch Experten etwas sagt.

          Geboren wurde Paul Jaray 1889 als fünftes Kind eines jüdischen Kaufmanns in Wien. Jaray studierte Maschinenbau und wurde mit gerade mal Mitte zwanzig Chefkonstrukteur bei einem Flugzeughersteller und arbeitete dann beim Luftschiffbauer Zeppelin, für den er 1919 einen der ersten Windkanäle Europas baute. Während andere noch ausprobierten, ob ein Auto, das aussieht wie ein Tropfen, auch schneller fährt, verließ sich Jaray nicht auf Vermutungen, sondern auf die reine Mathematik – und errechnete so das, was später als „Stromlinienform“ bekannt wurde.

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