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Geschichte des Autos : Als Hitler die Idee für den Käfer stahl

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Gerade jetzt, wo versucht wird, mit leichten, strömungsgünstigen Karosserien den Stromverbrauch der schweren Elektroautos zu senken, kennt kaum jemand mehr den Mann, dessen Forschungen sich all diese Formen verdanken und der schon vor hundert Jahren umweltfreundlichere, klügere, modernere Autos entwarf, als die SUV-versessenen Hersteller es heute tun.

Der Kurator dieser Ausstellung, der Philosoph Wolfgang Scheppe, der unter anderem als Autor des Globalisierungs-Grundlagenwerks „Migropolis“ bekannt geworden ist, hat in jahrelanger Archivarbeit die erstaunlichsten Materialien zutage gefördert und eigentlich Stoff genug, um ein großes Museum mit einer Ausstellung zur Kulturtheorie des Autos und zur Form- und Ingenieursgeschichte des 20. Jahrhunderts zu füllen. Stattdessen hat er all seine Funde in sein „Arsenale Institute“ hineinsortiert, in dem er seit Jahren eine originelle Ausstellung nach der anderen kuratiert.

Der erstaunlichste Imagewandel in der Objektgeschichte

Die von der Fachzeitschrift Arch+ mitveranstaltete Ausstellung „Architecture of Speed“ ist ein großartiger Warburgscher Bilderatlas aus Originalzeichnungen von Jaray und Stromlinienaufnahmen von Etienne-Jules Marey, die die Voraussetzungen und die Genese einer genialen Idee nachvollziehbar machen. Man sieht Ausgaben der Zeitschrift Motor-Kritik, ein Organ der technischen Avantgarden, dazu: aerodynamische Spindelmodelle. Propagandabilder. Zwingende und missverstandene Formen. Eine Theorie der Stilentwicklung und des Geschmacks, der zwischen technisch-rational und barock-symbolisch hin und her schwankt. Auto-Entwürfe von Le Corbusier. Auto-Aufnahmen von Man Ray, der seine Freundin halbnackt vor seinem Stromlinienauto fotografiert, und das Auto selbst wiederum so, als sei es ebenfalls ein Aktmodell, was dem Begriff „windschlüpfrig“ eine ganz neue Bedeutung gibt. Die Ausstellung erzählt auch eine Geschichte davon, wie Kunst, vor allem die Arbeit von frühen Fotografen, die Ingenieure inspirierte und wie die Ingenieurserfindungen und die wissenschaftlichen Bilder von Strömungen und Schallwellen umgekehrt ihr Echo in der modernen Kunst fanden – die erste Wiederentdeckung Jarays fand 1977 auf der Documenta 6 statt.

Während Jaray nach dem Krieg weitgehend vergessen blieb und nur in Fußnoten auftauchte, machte Hitlers „Volkswagen“ nach 1945 den erstaunlichsten Imagewandel in der Objektgeschichte des 20. Jahrhunderts durch und mutierte in der internationalen Wahrnehmung zum süßen „Beetle“, den sich die Amerikaner als sympathischen Zweit- oder Drittwagen kauften. Dabei war sogar der Name „Käfer“ nicht freundlich gemeint: Die New York Times nannte den Wagen 1938 so, weil sich mit ihm die Massen im Nationalsozialismus wie eine Insektenplage über die Autobahnen überall hin verbreiten würden.

Dass Hitlers Lieblingsprojekt zum sympathischen Hippie-Vehikel werden konnte, war vielleicht nur möglich, weil Jarays an den Prinzipien der Natur orientierte Stromlinienform eben nicht aussah wie ein Gewaltakt in Blech, nicht wie eine Architektur von Albert Speer auf Rädern – sondern wie ein natürlich gewachsenes, sanftes und freundliches Lebewesen. Auch das ist eine Erkenntnis dieser Ausstellung über die revolutionären Formen des Paul Jaray: Der Käfer war kein Nazi.

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