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Anschläge auf AKWs? : Atomkraft in Zeiten des Terrors

  • -Aktualisiert am

Ein Ziel: Das belgische Atomkraftwerk Tihange bei Huy. Bild: dpa

Dreißig Jahre nach Tschernobyl gibt es Anzeichen, dass sich Islamisten für nukleare Anlagen interessieren. Wie groß ist das Risiko eines Attentats?

          6 Min.

          Golden glänzt dieser fünfzackige Stern, 34 Millimeter Durchmesser, 15 Gramm schwer, befestigt an einem roten Seidenband. Der Gedanke an den Orden „Held der sozialistischen Arbeit“ ließ Viktor Brjuchanows Herz schneller schlagen. Prestige, Parteikarriere und Privilegien winkten. Der schneidige Direktor des größten Atomkraftwerks der Sowjetunion stand 1986 kurz vor seinem Ziel. Am Mai-Feiertag konnte es so weit sein, dass der Oberste Sowjet ihn auszeichnen würde. Wenn er noch kurz davor eine weitere Erfolgsmeldung nach Moskau übermitteln konnte, über ein gelungenes Reaktor-Experiment, würde das seine Chancen noch einmal verbessern.

          Die Vorbereitungen für das Experiment laufen wie am Schnürchen - doch dann Ernüchterung. Die Kiewer Stadtwerke rufen bei Brjuchanow an und bestehen darauf, das Experiment, bei dem der Reaktor heruntergefahren werden soll, abzusagen. Kiew braucht mehr Strom. Brjuchanow ärgert sich und entscheidet, das Experiment eben in die Nacht zu verschieben. Ist der Zustand im Reaktor nach dem Abbruch der Vorbereitungen jetzt nicht zu instabil für das Experiment? Wäre es nicht sicherer, das Experiment um zwei bis drei Tage zu verschieben? Unsinn, alles wird „normalno“ verlaufen. „Dawaj, dawaj!“ Kein Held ohne Heldentat.

          Das Experiment beginnt

          Es ist Nacht, und das Experiment beginnt. Nach 43 Sekunden kommt es zu einer gewaltigen Explosion, die den eintausend Tonnen schweren Deckel vom Reaktorkern sprengt. Nur drei Sekunden später folgt eine noch heftigere Wasserstoffexplosion. Der Reaktorkern ist zerstört und schleudert Brennstoff, brennenden Graphit und 400 Mal mehr Radioaktivität als in Hiroshima in den Himmel. Michail Gorbatschow gestand später: „Die Kernschmelze von Tschernobyl war wohl - mehr noch als meine Perestrojka - die wahre Ursache für den Zusammenbruch der Sowjetunion.“

          Brjuchanows Gier nach dem goldenen Stern war einer der Faktoren, die zur Tschernobyl-Katastrophe führten, am 26. April vor genau 30 Jahren. Andere waren Konstruktionsschwächen des Reaktortyps und Fehlverhalten des Personals im Kontrollraum. Restrisiko eben.

          Welche Risiken gehen wir ein? Welche Risiken halten wir aus? Diese Fragen stellen sich seit den Terroranschlägen in Paris und Brüssel erneut. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung zu Globalen Umweltfragen hat 1998 eine Typisierung anthropogener Risiken vorgenommen. Als Beispiel für den diffusen Risikotyp „Pythia“ gilt die Gentechnik. „Kassandra“ hingegen steht als Patin für den Klimawandel, der durch eine hohe Verzögerungswirkung gekennzeichnet ist. Andere Risikotypen heißen „Pandora“ oder „Medusa“. Das Risiko der Atomenergie wurde dem Typ „Damokles“ zugeordnet, charakterisiert durch hohes Schadensausmaß und geringe Eintrittswahrscheinlichkeit.

          Im vergangenen Jahrhundert konnte man zumindest noch versuchen, die Wahrscheinlichkeit einer Atomkatastrophe mathematisch zu erfassen. Prozentzahlen mit einer Null vor dem Komma und vielen Nullen dahinter standen für technische Pannen oder menschliches Versagen. Schon Brjuchanows Heldenwahn ließ sich kaum noch in eine Ziffer übersetzen. Doch diese Berechnungen stammen aus der Zeit vor dem islamistischen Terror. Die Wahrscheinlichkeit terroristischer Anschläge ist mit mathematischen Kriterien gar nicht mehr kalkulierbar. So müsste man die Atomkraft heute dem Risikotypen „Zyklop“ zuordnen: hohes Schadensausmaß und ungewisse (!) Eintrittswahrscheinlichkeit. Oder ist selbst das untertrieben? Die Täter des 11. Septembers erzielten bei ihren Anschlägen eine „Eintrittswahrscheinlichkeit“ von 75 Prozent: Drei ihrer vier Flugzeuge trafen ins Ziel. Und so weist einiges darauf hin, dass der nächste Atom-GAU ein Terror-GAU sein könnte.

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