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Muslime in Sachsen : Wer ist hier verzweifelt?

Mitglieder der muslimischen Gemeinde beim Gebet im Marwa El-Sherbiny Kultur- und Bildungszentrum in Dresden. Bild: Daniel Pilar

Angeblich waren die Attentate in Dresden der Ausdruck einer ostdeutschen Hoffnungslosigkeit. Wie geht es aber Dresdner Muslimen?

          7 Min.

          Ein paar Tage, nachdem Dresden kurz hintereinander zwei Sprengstoffanschläge erlebt hat – der erste explodierte vor der Fatih-Moschee, der zweite am Kongresszentrum –, ein paar Tage also, nachdem ein Attentat mit wahrscheinlich fremdenfeindlichem Hintergrund verübt worden ist, hat die ehemalige Grünen-Politikerin Antje Hermenau im Deutschlandfunk ein Interview gegeben. Sie sprach von unaufgearbeiteten Fehlern bei mangelhafter Integration und von einer „aufschnappenden zornigen Entladung im Osten“, weil nicht darüber diskutiert werde, was die Zuwanderung bringen soll. Das Attentat, sagte Antje Hermenau, müsse man als „Akt der Verzweiflung“ zur Kenntnis nehmen, ja sogar vermuten, „dass immer mehr Menschen aus Verzweiflung zur Gewalt greifen“ könnten, und das sei „ natürlich ein unhaltbarer Zustand einer Demokratie“. Aus Sicht jener, die das potentielle Ziel von Anschlägen wie von dem in Dresden sind, ist die Situation schon längst unhaltbar. Wer verzweifelt denn hier: die Bombenleger oder jene, die das Ziel der Bomben sind?

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das schöne Bild, das Dresden als Ort der Künste und Kultur einmal abgab, hat sich längst verdunkelt: 2004 zog die NPD in den sächsischen Landtag ein und blieb dort bis 2014; 2009 erstach ein Mann, der die Partei nach eigenem Bekunden gewählt hatte, in einem Dresdner Gericht die Ägypterin Marwa El-Sherbini. Auf einem Spielplatz hatte er die Apothekerin wegen ihres Kopftuchs als „Schlampe“ und „Terroristin“ beschimpft; die junge Frau hatte ihn angezeigt. Der Mord warf ein Schlaglicht auf die Islamfeindlichkeit in Deutschland. Und auch heute muss, wer nach Dresden fährt, nicht lange nach „Verzweiflung“ suchen: Man trifft sie jeden Montag tausendfach, wenn Pegida gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ aufmarschiert. Weit abseits der Kundgebung traf ich vor fast einem Jahr auf eine Verzweiflung der ganz anderen Art. Ich traf Muslime, denen in der Stadt, in der sie leben und mit der sie sich verbunden fühlen, Woche für Woche grölend erklärt wird, dass sie da nicht hingehören. Sie erzählten mir, dass es viel Kraft erfordere, sich davon nicht das Selbstwertgefühl nehmen zu lassen. Nun, nach dem Bombenattentat fragen sie sich: Wie sicher sind wir noch in Dresden?

          Ein fairer Umgang mit dem Islam

          „Ich weiß, welches Potential in dieser Stadt ist“, sagt etwa Khaldun Al Saadi. „Das Bombenattentat hat mich deshalb zwar erschüttert, wirklich überrascht hat es mich aber nicht. Die Politik muss sich jetzt fragen, was sie anders machen muss.“ Khaldun Al Saadi, ein junger Mann mit dunklen Haaren und schwarz-gerahmter Brille, ist gläubiger Muslim. Er betet fünfmal am Tag, isst kein Schweinefleisch und trinkt keinen Alkohol. Genauso ist er mit Herz und Seele Sachse. Er wurde im Jahr der deutschen Wiedervereinigung in Chemnitz geboren, als Sohn einer deutschen Mutter und eines Vaters, der als junger Mann aus Südjemen in die DDR gekommen war – als einer von vielen jungen Jemeniten, denen Honecker als Entwicklungshilfe für den sozialistischen Bruderstaat ein Studium anbot. Khaldun Al Saadi ist Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung und studiert in Leipzig Islam- und Kommunikationswissenschaft, wohnt aber in Dresden. Bis vor kurzem hatte er in seiner Gemeinde den ehrenamtlichen Job des Sprechers: Das „Islamische Zentrum“ ist eine von drei Moscheegemeinden der Stadt, die sich alle als Gemeinden der Mitte beschreiben lassen: offen gegenüber nicht-muslimischem Publikum, moderat in theologischen Fragen. Al Saadi sieht es als seine Aufgabe, der Islamfeindlichkeit eine vernünftige Antwort entgegenzusetzen. Er hält Reden und ist oft zu Gast auf Podien. Seine Forderung: ein fairer Umgang mit dem Islam. Zudem möchte er, dass Dresdens Ruf nicht noch schlechter wird und dass Muslime sich in Sachsen sicher fühlen können – Al Saadi kämpft für seine Heimat, gleichermaßen für die spirituelle wie für die geographische.

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