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Freiwillige in Auschwitz : Am dunkelsten Ort

  • -Aktualisiert am

Jedes Jahr kommen fünfhundert Freiwillige aus aller Welt nach Auschwitz. Bild: Dirk Bruniecki

Kann es in Auschwitz Hoffnung für die Zukunft geben? 77 Jahre nach der Befreiung übernimmt eine neue Generation die Erinnerungsarbeit. Eine Reportage mit Lichtblicken.

          11 Min.

          In Tahels Albtraum tauchen keine Bilder auf, niemand wird vergast. Sie hört nur ein Geräusch: Papier. Jemand raschelt damit, blättert in einem Ordner oder sortiert einen Stapel Formulare. Tahel sieht nicht, wer dort im Dunkeln arbeitet. „Diesen Traum hatte ich in meiner zweiten Nacht“, erinnert sie sich. „Ich habe das Papier laut und deutlich gehört.“

          Als sie in jener Nacht das Licht anknipst, ist das Geräusch verstummt. Im Lampenschein betrachtet Tahel das Fischgrätparkett. Durch die alten Sprossenfenster zieht Kälte herein, die Uhr zeigt genau Mitternacht. Tahel ist jetzt wach, der Albtraum verfliegt, doch die Wirklichkeit beruhigt kaum: Ihr Zimmer soll das Büro von KZ-Kommandant Rudolf Höß gewesen sein. Sicher ist, dass SS-Leute in diesem Gebäude arbeiteten. Von hier aus verwalteten sie den Massenmord an 1,1 Millionen Menschen in Auschwitz, darunter 200.000 Kindern, neunzig Prozent waren Juden. Keine hundert Meter von Tahels Bett entfernt befindet sich die Gaskammer des Stammlagers.

          Sieben Wochen nach ihrem Traum fällt Regen. Es ist kurz vor acht am Morgen, und Tahel Goldsmith, dreiunddreißig Jahre alt, geboren in Jerusalem und Doktorandin an der University of Chicago, muss zur Arbeit. Von Oktober 2021 bis Januar 2022 lebt sie am dunkelsten Ort der Menschheitsgeschichte. Es klingt wie ein Freiwilligendienst in der Hölle.

          Dass junge Ehrenamtliche in der Gedenkstätte mitarbeiten, wissen außerhalb der Region und akademischer Kreise nur wenige. Mehr als siebenundsiebzig Jahre nach der Befreiung wächst die Bedeutung des Freiwilligen-Programms: Eine neue Generation entscheidet, wie es mit der Erinnerung an den Holocaust weitergehen soll.

          Im Treppenhaus des alten SS-Gebäudes, in dem Tahel mit anderen Freiwilligen wohnt, riecht es modrig. Eine Katze huscht zur Tür herein. Suzanne Grimmer, Studentin aus Louisiana, kommt die Treppe herunter. Sie trägt Schwarz – Mantel, Strumpfhose, Handtasche. Als Suzanne ins Freie tritt und die Kapuze über den Kopf zieht, verschwindet mit ihrem blonden Haar der einzige Farbtupfer.

          Tahel Goldsmith, geboren in Jerusalem, Doktorandin an der University of Chicago
          Tahel Goldsmith, geboren in Jerusalem, Doktorandin an der University of Chicago : Bild: Dirk Bruniecki

          Suzanne und Tahel müssen in Block 24, das heutige Archiv der Gedenkstätte. Ihr Weg führt durch braune Pfützen, in Sichtweite steht die Höß-Villa. Der Lagerkommandant lebte darin mit Frau und Kindern wie ein Firmenpatriarch vor dem Zaun seiner Todesfabrik. Die beiden Frauen kommen an einem niedrigen Gebäude vorbei, dessen Schornstein auch von ihrem Küchenfenster aus zu sehen ist: Krematorium I. Zwischen Ende 1941 und Dezember 1942 schickten SS-Männer Gefangene hier hinein, um sie zu vergasen und nebenan von Mithäftlingen in Öfen verbrennen zu lassen. Während sie das zwanzigminütige Sterben durch ein Loch in der Stahltür zur Gaskammer verfolgten, ließen sie Motoren laufen und Hupen ertönen, damit niemand im Lager die Schreie hörte. Später tötete die SS im zwei Kilometer entfernten Birkenau. In den dort neu erbauten Krematorien II bis V wurden bis zu 15­.000 Menschen pro Tag ermordet. 2000 passten in eine Gaskammer.

          Wenige Schritte nach dem Krematorium erreichen Tahel und Suzanne ein Tor. Es steht offen, links und rechts versperrt Stacheldraht den Weg. Entlang der Einzäunung tauchen Wachtürme aus dem Nebel auf. Über den Köpfen der beiden, an einer geöffneten Schranke, steht „Halt“ auf einem Schild und dahinter in Eisenlettern: „Arbeit macht frei“.

          Im Innern des Lagers reiht sich Backsteinblock an Backsteinblock. Nummer 24, das erste Gebäude links, diente früher als Häftlingsschreibstube. Gefangene mussten hier bei Verwaltungsaufgaben helfen. In einem Teil des Blocks, in 24 a, hatte die SS zudem ein Bordell eingerichtet. Ausgewählte männliche Häftlinge sollten mit einem Besuch dort belohnt und zu noch mehr Arbeit angetrieben werden.

          Suzanne öffnet die Tür zum heutigen Archiv, oranges Licht aus dem Innern mischt sich in das Grau. Im Flur von Block 24 hängen Porträtfotos von ernsten, verunsicherten, stolzen, jedenfalls lebendigen Frauen und Männern. Alle haben die Ärmel hochgekrempelt, auf ihren Unterarmen stehen eintätowierte Nummern, eine Galerie der Überlebenden.

          Viele der Entkommenen waren zugleich die ersten Freiwilligen hier: Bevor die Rote Armee am 27. Januar 1945 eintraf, behinderten Gefangene die Vertuschungsaktionen der SS. Einer aus der Häftlingsschreibstube, Tadeusz Joachimowski, stahl zwei Bücher mit Opfernamen und vergrub sie schon 1944. Andere retteten in den letzten Tagen zumindest einige der Akten und Fotos, indem sie nur vortäuschten, das Material wie befohlen zu verbrennen.

          Siebenundsiebzig Jahre später sinken die Ereignisse aus der Zeitgeschichte in die fernere Vergangenheit. Der 1976 in Tübingen verstorbene Historiker Hans Rothfels, von 1959 bis 1974 Beiratsvorsitzender des Instituts für Zeitgeschichte, nannte sein Forschungsgebiet die „Epoche der Mitlebenden“ und beschrieb damit eine Grenze, die für die Zeit des Nationalsozialismus nun fast überschritten ist.

          Erinnerung an frühere Freiwilligengenerationen
          Erinnerung an frühere Freiwilligengenerationen : Bild: Dirk Bruniecki

          Dass damit die Gefahr des Vergessens steigt, ist eine pessimistische Prognose, aber keine Gewissheit. Rothfels, der auch an Tahels Universität in Chicago lehrte, nannte die geringe zeitliche Distanz „zwiegesichtig“. Mitlebende seien besser in der Lage, sich in die Handelnden und Leidenden hineinzuversetzen, ein Vorteil, der dem historischen Verstehen nütze. Er stellte aber auch fest: „Je näher wir den Dingen sind, desto leichter mögen wir ihren Kern verfehlen und von vorgefassten Meinungen abgezogen werden.“ Niemand werde die Gefahr der zu nahen Perspektive leugnen wollen.

          Die Zeitzeugen des Holocausts hinterlassen ein wertvolles Erbe aus Augenzeugenberichten, Filmen, Objekten, Gerichtsprotokollen und wissenschaftlichen Publikationen. Frauen wie Tahel und Suzanne wollen die Tradition der Überlebenden als Spurensicherer fortführen. Dass ihre Distanz zu den Ereignissen gewachsen ist, muss der Erinnerungskultur nicht schaden.

          Tahel sitzt in einem Leseraum und wischt sich die dunklen Locken aus der Stirn. Sie trägt blaue Handschuhe, um die Papiere zu schonen, in denen sie blättert. Tahel versteht sieben Sprachen. Heute studiert sie die polnischen Aufzeichnungen des 2012 verstorbenen Kazimierz Smoleń. Der Widerstandskämpfer war selbst Häftling, bevor er die Gedenkstätte 1947 mitgründete und von 1955 bis 1990 leitete. „Smoleń war sehr innovativ“, sagt Tahel. Er und andere spürten Überlebende auf, um deren Erinnerungen festzuhalten. „Das war frühe Geschichtsschreibung von unten, lange bevor Yad Vashem damit anfing.“ Für ihre Dissertation über Erinnerungskultur war Tahel schon in Treblinka, Bergen-Belsen und Buchenwald. „Es ist kein einfaches Fachgebiet. Und hier zu wohnen . . .; ich finde es gut für tieferes Nachdenken. Aber ja, es ist unheimlich.“ Die Wochenenden verbringt sie in Krakau.

          Tahels Großvater stammt aus Leżajsk, rund 260 Kilometer östlich von Auschwitz. Er wird bald hunderteins und lebt in Jerusalem. Im Krieg war er in die Sowjetunion geflohen, überstand dort ein Arbeitslager und emigrierte über Paris nach Uruguay. Dort lernte er Tahels Großmutter kennen, deren Familie noch vor dem Krieg aus Weißrussland und Litauen ausgewandert war. 1973 zogen die Goldsmiths nach Israel.

          Andere Verwandte überlebten den Holocaust nicht, sie wurden in Treblinka ermordet. „Schon als kleines Kind“, sagt Tahel, „setzte mich mein Großvater vor sich und erzählte. Er begann immer mit einem Quiz: ‚Weißt du noch, was am 1. September 1939 passierte?‘ Ihr Großvater war sein Leben lang in Behandlung, er litt unter posttraumatischen Belastungen. Er sprach in einer Mischung aus Spanisch und Jiddisch mit mir, erzählte die gruseligsten Anekdoten, aber sie bekam nie ein zusammenhängendes Bild.

          Auch deshalb wurde Tahel Historikerin. Wie alle Freiwilligen arbeitet sie unentgeltlich für die Gedenkstätte. Von ihrer Universität hat sie ein Stipendium bekommen. Der Zugang zu Quellen und Objekten ist nützlich für ihre Forschung. Für ihre Unterkunft im ehemaligen SS-Gebäude zahlt Tahel 10 Złoty pro Nacht, umgerechnet rund 2,16 Euro. Sie sagt: „Gedenkstätten sind für mich vor allem produktive Orte.“

          Wenn es keine Überlebenden mehr gibt, erzählen die Objekte.
          Wenn es keine Überlebenden mehr gibt, erzählen die Objekte. : Bild: Dirk Bruniecki

          Wenn sie nicht im Archiv arbeitet, forscht Tahel an Objekten. In der Konservierungsabteilung hilft sie mit, Schuhe, Koffer, Haarbürsten und andere Alltagsgegenstände der Ermordeten vor dem Verfall zu retten. „Von vielen Opfern haben wir nichts, noch nicht einmal einen Namen. Von einigen sind nur diese Dinge geblieben, sie sind wie ihre Grabsteine.“ Dennoch fragt sie sich immer wieder, welchen Erkenntnisgewinn es bringt, zum Beispiel Hunderte von Zahnbürsten im Zustand von 1945 erhalten zu wollen: „Das Plastik verändert sich über die Zeit chemisch so stark, dass es im Grunde zu einem anderen Material wird. Wie lange sollen wir den Konservierungsaufwand betreiben?“ Sie hat selbst noch keine gute Antwort darauf.

          Nie Dagewesenes geschah in den Vernichtungslagern. Für die ersten beiden Schritte vor Auschwitz, die rechtliche Diskriminierung von Juden und das Einsperren in Ghettos, gab es in der europäischen Geschichte Vorbilder. Was Deutschland neu erfand, war die Endlösung, den staatlich organisierten Massenmord in Tötungszentren. „Was hier passiert ist, war vollkommen wahnsinnig“, sagt Tahel. „Es ist nicht immer einfach, da die superobjektive Wissenschaftlerin zu sein.“

          Suzanne Grimmer aus Louisiana ist für sechs Wochen in Auschwitz. Auch sie arbeitet freiwillig an der Erinnerung. Im Erdgeschoss von Block 24 deutet sie auf einen meterlangen, grauen Stahlschrank: „Das ist unser Google“, sagt sie. In den Schubladen liegen Zehntausende Suchanfragen, handschriftlich ausgefüllte Formulare, die dokumentieren, wer sich wann an die Gedenkstätte wandte, um etwas über das Schicksal eines Verwandten zu erfahren.

          Suzannes Urgroßvater war 1924 von Stuttgart in die USA ausgewandert. Ihr Großvater kämpfte im Zweiten Weltkrieg für die US Air Force in Europa. Auch Teile von Suzannes Familie sind jüdischen Glaubens. „Als ich klein war, habe ich es geliebt, in den Fotoalben meines Opas zu blättern, Militärurkunden und Briefe zu lesen – wir hatten Tonnen davon zu Hause.“

          Suzanne wurde 1988 in Kalamazoo, Michigan, geboren, machte ihren Bachelor in Geschichte und studiert heute an der Louisiana State University Bibliotheks- und Informationswissenschaft. In Auschwitz unterstützt sie den Aufbau einer Datenbank. „Ich will mithelfen, dass diese Beweise auch für die nächste Generation verfügbar sind“, sagt sie. „Amtliche Dokumente haben den Vorteil, dass sie unmissverständlich sind.“ Big Data soll gegen das Vergessen wirken.

          Suzanne Grimmer aus Louisiana
          Suzanne Grimmer aus Louisiana : Bild: Dirk Bruniecki

          Hunderttausende Ermordete hinterließen auf Transportlisten und Karteikarten Spuren. Auf Suzannes Bildschirm erscheint ein rosafarbenes Dokument: Moses Honig, Schneider aus Krakau, deportiert nach Auschwitz. Sogar unterschrieben hat er darauf. Danach taucht sein Name nicht mehr auf. Erst 3660 von 400.000 Dokumenten sind in der Datenbank versammelt. Es geht langsam voran. Nach ihrer Rückkehr in die USA wird Suzanne aus dem Homeoffice weiterarbeiten.

          Und schließlich ist da noch Paulina Byrska, die vor einem Scanner sitzt. Die Zwanzigjährige wohnt im schlesischen Grzawa, eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, studiert Englisch und unterstützt bei Übersetzungen. „Es ist hart, das jemandem zu erzählen“, sagt sie. „Aber das hier ist ein guter Ort.“

          Draußen gehen die ersten Besucher über nasse Wege. Sie wirken andächtig oder geschockt, und doch bleiben einige für Fotos vor den Galgen nahe der Häftlingsküche stehen. Die SS ließ hier Gefangene erhängen, wenn einem anderen die Flucht gelungen war.

          Der Himmel hat die Betonfarbe der Mauer angenommen, die das Stammlager im Westen begrenzt. Dahinter steht ein neu renoviertes Gebäude, in dem die Nazis Zyklon B und die geraubten Wertsachen der Ermordeten lagerten. Im ersten Stock hat die Leiterin des Freiwilligen-Programms ihr Büro. Von ihrem Fenster fällt der Blick auf die Bahngleise, an denen die Güterzüge ankamen. Katarzyna Marcak sitzt an ihrem Schreibtisch und sagt: „Ich wollte nie hier arbeiten.“ 2012 probierte sie es doch. „Mein Mann versteht das bis heute nicht. Er sagt immer: ‚Du lachst doch viel zu viel!‘“

          „Du lachst doch viel zu viel“: Katarzyna Marcak
          „Du lachst doch viel zu viel“: Katarzyna Marcak : Bild: Dirk Bruniecki

          Jedes Jahr helfen Marcak zufolge rund fünfhundert Volunteers aus aller Welt in Auschwitz mit, im Pandemiejahr 2021 waren es zweihundertzwanzig. Für viele ist es eine Chance, Auslandserfahrung zu sammeln, sich fortzubilden oder Leistungspunkte für das Studium zu sammeln. Die meisten kommen aus Polen und Deutschland, achtzig Prozent sind Frauen. Die meisten Freiwilligen werden innerhalb von dauerhaften Kooperationen entsandt, eine nahe gelegene Forstwirtschaftsschule schickt ganze Klassen, Volkswagen lässt jedes Jahr Auszubildende volontieren. Bewerberinnen wie Tahel, Suzanne und Layla sind seltener und werden von Marcak je nach Eignung und Bedarf an unterschiedliche Stellen der Gedenkstätte vermittelt. „Am liebsten würde ich alle nehmen.“

          Früher hat Marcak als Polnischlehrerin gearbeitet, im Herzen ist sie Pädagogin geblieben. Sie legt Fotos ihrer Freiwilligen auf den Tisch und berichtet, wie sie sich verändert haben: Schüchterne junge Menschen hätten irgendwann vor internationalen Besuchergruppen Englisch gesprochen. Aus frechen Jugendlichen hätten sich Männer mit Mitgefühl entwickelt. „Jeder kommt hier an Grenzen.“

          Wer im Wald hinter den Gaskammern von Birkenau arbeitet, hat es besonders schwer. Die Spuren von Massengräbern, Scheiterhaufen und Asche liegen dort in so großer Menge im Boden, dass zwar Gras darüber wachsen mag, aber das Grauen darunter bleibt.

          Und manchmal kommt es auch zurück an die Oberfläche. Wie 1980, als ein Forstwirtschaftsstudent hinter Krematorium III eine Thermosflasche ausgrub. Darin befanden sich die Notizen von Marcel Nadjari, der 1944 als Jude aus Athen deportiert und einem „Sonderkommando“ zugeteilt worden war, also in den Krematorien arbeitete. Nadjari überlebte das KZ und starb 1971 in New York. In seinem zwölfseitigen Bericht hatte er auf Griechisch festgehalten, was geschah. Begreifen lässt es sich trotzdem schwer. Katarzyna Marcak nennt die Menschen, die heute nach Auschwitz kommen, weder Besucher noch Touristen. Sie spricht von Pilgern.

          Im Archiv setzt sich Layla Amador an einen Tisch. Auch sie ist eine Freiwillige. Wegen Corona kann sie ihren eigentlichen Arbeitsplatz in der Konservierungsabteilung gerade niemandem zeigen. Layla ist zweiundzwanzig und redet leise, als befände sie sich tatsächlich an einem heiligen Ort. Sie kommt aus Salt Lake City, Utah, und studiert Anthropologie. Ihre Mutter ist Lastwagenfahrerin. Mit ihrer zarten Stimme sagt Layla: „Ich mag den Begriff Neonazis nicht, denn es gibt nichts Neues an ihnen. Es sind Nazis.“

          Abschied von Layla
          Abschied von Layla : Bild: Dirk Bruniecki

          Wer der Studentin bei der Arbeit zusieht, erkennt nicht sofort, warum sie von Tahel „tough cookie“, harter Keks, genannt wird. Fast einen Monat übernachtete sie allein in der Unterkunft mit Blick auf den Krematorium-Schornstein. Heute ist ihr letzter Tag in Auschwitz. In den vergangenen zwei Monaten half sie wie Tahel beim Erhalt von Schuhen. Die Häftlinge hatten sie ausziehen müssen, bevor sie in die Gaskammern geschickt wurden. Es gibt mehr als 100.000 Schuhe in Auschwitz, nur ein Teil wird in der Ausstellung gezeigt. „Damit zu arbeiten gibt dir das Gefühl, dass jemand ein richtiges Leben hatte“, sagt Layla, „egal, wie kurz es war.“

          Layla hat während ihres Freiwilligendienstes sieben Plastikkisten mit je fünf Paar durchsucht. Zuerst befreite sie die Objekte mit einem Spezialsauger von Staub. Danach behandelte sie die Metallteile und das Leder mit Mitteln, die Korrosion und Alterungsprozesse verlangsamen. „Ich will nicht, dass wir der Natur ihren Lauf lassen“, sagt Layla, „wenn es keine Überlebenden mehr gibt, erzählen diese Objekte, was passiert ist.“

          In einem Kinderschuh eines drei- oder vierjährigen Mädchens entdeckte Layla eine vertrocknete kleine Bohne. Sie und Tahel fanden heraus, dass Bohnen in Ungarn als Glücksbringer galten. Von dort kamen die meisten Opfer der letzten Wochen. In einem Herrenschuh steckte ein Stück Zeitungspapier mit einem Fußball-Spielbericht aus Kattowice. In anderen tauchte etwas Geld oder ein Notizzettel auf. Doch am meisten mitgenommen habe sie ein ungleiches, zusammengebundenes Paar: ein Frauenschuh, geknotet an einen Kinderschuh, in einer letzten Geste der Liebe.

          Um Layla zu verabschieden, kommen Paulina, Tahel und Suzanne nach unten vor Block 24. Sie umarmen sich, dann zieht Layla ihren schweren Rollkoffer zum Ausgang. Auf dem Parkplatz wartet der Bus Richtung Krakau.

          Tahel sitzt am Abend in einem Imbiss-Restaurant am Besucherparkplatz. Hinter ihr steht ein Automat, der gegen Bezahlung Souvenirmünzen mit eingeprägter Birkenau-Rampe ausspuckt. Das Gedenken verändert sich. „Erinnerungen haben Lebenszyklen“, sagt Tahel.

          Der Bus nach Krakau führt zurück in die Gegenwart
          Der Bus nach Krakau führt zurück in die Gegenwart : Bild: Dirk Bruniecki

          Die Museumsgründer legten besonderen Wert auf den Erhalt von Objekten im Zustand von 1945. Manchmal aber bewahrten oder konservierten sie nicht, sondern sie widmeten um: das SS-Gebäude etwa, in dem heute die Freiwilligen wohnen. Anfangs hieß es, der Lagerkommandant habe sein Büro genau dort gehabt, wo heute eines der Schlafzimmer der Freiwilligen ist. Inzwischen ist bekannt, dass die Kommandantur ein Haus weiter untergebracht gewesen sein muss. Aber auch im Gebäude der Freiwilligen gab es SS-Büros. Gleich nach der Befreiung zogen ehemalige Häftlinge ein, versuchten, die frühere Nutzung auf diese Weise umzuwidmen.

          In Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“ wirbt der fiktive Professor Alois Erhart für eine Umwidmung in größerem Stil: Er schlägt vor, die Europäische Union solle eine neue, ideale Hauptstadt errichten, an einem Ort, der die Katastrophe symbolisiert und ihre Überwindung. Diese Hauptstadt müsse in Auschwitz stehen. Natürlich findet der Professor kein Gehör – und auch Tahel lehnt die Idee ab: „Zu viele gefolterte Seelen hier.“

          Es ist spät geworden. Weil der Besuchereingang längst zu ist, muss Tahel am Stacheldraht entlang um das halbe Lager herumgehen. Auf dem Weg werfen Laternen und Autos Lichtkegel in die Finsternis. Kurz vor ihrer Unterkunft erscheint der Schornstein des Krematoriums im Nebel. Tahel glaubt, dass sie in dieser Nacht gut schlafen wird.

          Als Tahel und Suzanne am nächsten Morgen zur Arbeit gehen, riecht es im Treppenhaus nach Kaffee. Die Katze, die hereinhuscht, gehört Anna Odi, der Tochter eines Überlebenden. Ihr Vater und andere füllten den Altbau nach ihrer Befreiung mit Leben. Ein Stockwerk darüber, wo früher SS-Leute ihre Untaten verwalteten, wohnen heute Freiwillige aus aller Welt.

          Tahel und Suzanne treten ins Freie. Sie ignorieren die ehemalige Villa von Rudolf Höß, der 1947 verurteilt und auf dem KZ-Gelände erhängt wurde. Dann vorbei am Krematorium, das zu einem Ort der Besinnung für Menschen jeden Glaubens geworden ist. Mehr als zwei Millionen Besucher, Pilger und Touristen, kommen in einem normalen Jahr hierher, um über den Hass und die Ausgrenzung nachzudenken.

          Wenig später erreichen die beiden Frauen das Archiv. Oranges Licht erhellt die Porträtfotos im Flur. Tahel und Suzanne gehen an den Gesichtern der Überlebenden vorbei, um deren Arbeit fortzusetzen.

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