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Frankreichs Denker und Corona : Freiheit, Gleichheit, Gesundheit

Die Gesundheit sei ein wertvolles Gut: „Aber man darf ihr nicht die höchsten Werte unserer Zivilisation unterwerfen, die Freiheit, die Liebe, den Mut, die Brüderlichkeit“, sagt Philosoph André Comte-Sponville. Bild: AFP

Das Jüngste Gericht der Geschichte: Frankreichs Intellektuelle haben mit dem Virus zu kämpfen. Einer der Denker will sogar Macron und seine Regierung vor Gericht bringen.

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          „Frankreich befand sich am Rande des Nervenzusammenbruchs, jetzt sind wir mittendrin“: Die Diagnose stammt von einem Arzt, der im nationalen Psychodrama eine Hauptrolle spielt. Didier Raoult, inzwischen weltweit berühmter Infektiologe aus Marseille, sieht sich als Opfer und Gegner des Pariser Establishments, das seine Chloroquin-Therapie ablehnt. Mit seiner Wirksamkeit und der Borniertheit der westlichen Eliten begründet er, warum die reichsten Länder sehr viel mehr betroffen seien als die, die das billige Malariamittel anwendeten: Millionenfach habe es sich bewährt – jetzt entdecke man in Paris seine „Nebenwirkungen“. Er zitiert Nietzsche und liebt Céline. In einem Interview in „Paris Match“, in dem er seine Gegner mit Pétain vergleicht, beruft er sich auf de Gaulle und Albert Camus, dabei vergleicht Raoult sich nicht etwa mit dem Arzt in der „Pest“, sondern mit dem „Fremden“: „Damit ich mich weniger allein fühlte, brauchte ich nur zu wünschen, dass am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer da sein würden und dass sie mich mit Schreien des Hasses empfangen.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          In allen französischen Beliebtheitsumfragen liegt Raoult, nach dem zwei Bazillen benannt sind, vorn. Am 1. Mai wurde bekannt, dass er Mitarbeiter der von Michel Onfray geplanten Zeitschrift „Front Populaire“ wird. Diese „Volksfront“ soll einen Gesellschaftsvertrag entwerfen und zum Flaggschiff der Epoche werden wie Sartres „Les Temps modernes“ nach 1945. Onfray hat jüngst Bücher über „Das Nazi-Denken“ und die „Theorie der Diktatur“ veröffentlicht.

          „Meine Generation hat eine solche Beschränkung der Grundrechte nie erlebt“

          Régis Debray, Ex-Guerrillero an der Seite von Che Guevara und Berater der Präsidenten Allende und Mitterrand, befasst sich mit den „Philosophen-Politikern“: „Stalin war einer und Mao auch.“ Von den Intellektuellen wurden sie verehrt „wie ein Kollege, der es geschafft hat“. Debray will beim „politischen Laizismus“ und der Trennung zwischen Politikern, Experten und Philosophen bleiben. Macrons Metapher vom „Krieg“ hält er für billig: „Vor allem die Politiker, die den Krieg nicht erlebt haben, fühlen sich wie Heinrich IV. auf dem weißen Ross. Im Krieg stirbt man für eine Sache, es gibt zwei Lager. Das Virus ist neutral, und alle sind dagegen. Es kämpft für keine Flagge.“

          „Wir haben es“, sagt der Philosoph André Comte-Sponville am Telefon, „mit einer schlimmen Gesundheitskrise zu tun. Die Gefahr, am Virus zu sterben, ist gering. Aber wenn man ihm freien Lauf lässt, kann es bei einer Bevölkerung von sechzig Millionen durchaus dreihunderttausend Tote fordern. Das darf keine demokratisch gewählte Regierung in Kauf nehmen.“ Macron bescheinigt er „Format“: „Er tut, was er kann.“ Der Einfluss der Ärzte beängstigt ihn: „Entscheiden muss die Politik.“ Comte-Sponville beobachtet, wie die Gesundheit zum Maß aller Dinge werde: „Sie ist ein wertvolles Gut. Aber man darf ihr nicht die höchsten Werte unserer Zivilisation unterwerfen: die Freiheit, die Liebe, den Mut, die Brüderlichkeit.“

          Um die Maßnahmen der Regierung zu respektieren, hat er darauf verzichtet, sich in sein Haus in der Normandie abzusetzen. Doch nach sieben Wochen wird ihm seine Wohnung zu eng: „In Paris eingeschlossen zu sein ist nicht lustig. Meine Generation hat eine solche Beschränkung der Grundrechte nie erlebt. Man kann das für eine kurze Zeit akzeptieren. Aber nicht auf Dauer. Ich gehöre zur Risikogruppe, vor drei Jahren hatte ich eine Lungenentzündung. Aber lieber hole ich mir Covid-19, als dass ich lebenslang eingeschlossen bleibe. Ich liebe das Leben, aber noch mehr liebe ich meine Freiheit.“

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