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Facebook im Wahlkampf : Sechs „Reactions“ für Hillary und Donald

  • -Aktualisiert am

Differenzierung Fehlanzeige: Mit diesen sechs „Reactions“ sollen sich Facebook-Nutzer zu den Auftritten von Trump und Clinton äußern. Bild: AP

Die TV-Duelle zwischen Clinton und Trump gibt es auch live bei Facebook. Dort kann man den Kandidaten jubelnde oder wütende „Reaction“-Emoticons verpassen. Was hat das für einen Effekt?

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          Als der VfB Stuttgart am Mittwoch seinen neuen Trainer Hannes Wolf präsentierte, konnte man sich auf Facebook live in die Pressekonferenz schalten. Facebook, das neue CNN, ist live vor Ort, bevor die ersten Ü-Wagen eintreffen. Als Wolf über sein Spielsystem dozierte, flogen ihm Herzen und Likes zu – zumindest in der virtuellen Welt. Zahlreiche „Reactions“-Emoticons wie der „Gefällt-mir“-Button, das Herzsymbol oder ein Zorneskopf, flatterten in den Livestream ein, garniert von Kommentaren in Echtzeit. Die Präsentation geriet zur Reizüberflutung.

          Weltpolitisch war dieses Ereignis wenig bedeutend, das aber ist ein anderes, das Facebook bald überträgt, wie der Konzern ebenfalls am Mittwoch bekanntgab. In Kooperation mit der Sendergruppe ABC News zeigt Facebook drei der insgesamt vier Fernsehduelle im Präsidentschaftswahlkampf. Zwei Stunden vor jeder Debatte werden die ABC-Moderatoren Matthew Dowd und Elzie Lee Granderson eine Vorberichterstattung („Strait Talk“) exklusiv auf Facebook übertragen. Die beiden Unternehmen kooperierten schon bei den Debatten im demokratischen und republikanischen Vorwahlkampf.

          Wackelkandidaten: Donald Trump und Hillary Clinton im Spielpuppenformat.
          Wackelkandidaten: Donald Trump und Hillary Clinton im Spielpuppenformat. : Bild: dpa

          Facebook spielt im Wahlkampf eine immer wichtigere Rolle, nicht nur bei den Nachrichten, sondern als genuine Medienplattform. Das Wahlkampfteam von Hillary Clinton nutzte Facebook live, um vier Stunden lang die insgesamt 5500 Klagen vorzulesen, in die Donald Trump involviert war. Der Beitrag wurde vorwiegend von Anhängern des Clinton-Lagers angesehen. Bei dem TV-Duell, das beide Seiten anschauen werden, stellt sich nun die Frage, wie Facebook die Debatte präsentiert und – wem dann die Reactions-Emoticons zufliegen. Werden bei Trumps Redeanteilen mehr Zornesköpfe eingespeist? Flattern bei Clintons Redebeiträgen mehr Likes hinein?

          Die Reactions-Emoticons sind hochmanipulativ, weil sie Zustimmung oder Ablehnung suggerieren, die realiter vermutlich gar nicht gegeben ist. Entsprechen die Reactions-Symbole proportional der absoluten Zahl der Klicks, was sie repräsentativ machte? Werden Meinungsbilder korrekt widergespiegelt? Oder werden Reaktionen gefiltert, um Stimmungen zu kanalisieren oder womöglich gar zu erzeugen?

          Wir erinnern uns an das Sozialexperiment, das Facebook 2013 ungefragt mit 700.000 Nutzern veranstaltete, deren Newsfeed manipuliert wurde. Facebook wollte sehen, wie sich gute und schlechte Nachrichten auswirken und wie sich eine Stimmung im Netzwerk bildet. Dass bei Facebook intern diskutiert wurde, was man gegen die Popularität von Donald Trump tun könne, gilt es ebenfalls zu vermerken. Bei den TV-Duellen wäre es nun ein Leichtes, durch einen algorithmischen Kniff das Stimmungsbild zu verfälschen und Wähler zu lenken. Wie das geht, hat Facebook gezeigt, als vor dem Brexit-Votum „in favour of leaving the EU“ in der Rubrik „Gefühle/Aktivitäten“ in der Mobile-App seiner Nutzer auftauchte.

          So schaltet sich Facebook in den politischen Diskurs ein und wird scheinbar zum Schiedsrichter von Debatten, macht aber weder den Algorithmus seiner Nachrichtenauswahl noch die Mechanismen hinter den „Reactions“ transparent. Und was sind das überhaupt für Reaktionen? „Gefällt mir“, „Love“, „Haha“ „Wow“, „Traurig“ und „Wütend“. Das ist das Vokabular, mit dem die Facebook-Nutzer politische Debatten kommentieren sollen: Differenzierung Fehlanzeige, sachliche Argumentation nicht vorhanden, dafür geht es allein ums Gefühl, um Stimmungen, mit denen man die Stimmabgabe beeinflussen kann. Darin ist Facebook ganz groß.

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