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Taiwan und China : Wer löst das Taiwan-Paradox?

Blick auf Taipei, die Hauptstadt Taiwans Bild: picture alliance / dpa

Während Peking mit Krieg droht, lassen die Bewohner der Insel die ethnonationalen Kategorien des Festlands immer weiter hinter sich. Nur noch fünf Prozent sehen sich heute als Chinesen.

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          Der Frieden in Taiwan hängt an einem Paradox. Amerika und der übrige Westen senden mit der Nichtanerkennung Taiwans die Botschaft, dass es keinen souveränen Staat auf dieser Insel gibt – und gleichzeitig setzen sie ihre militärische Abschreckungsmacht dafür ein, dass das offiziell nicht existente Gebilde namens „Republik China“ seine Eigenständigkeit behält.*

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Paradox hat historische Gründe: 1945 fiel Taiwan nach fünfzigjähriger japanischer Kolonialherrschaft laut Alliiertenbeschluss wieder an China, also an die damalige „Republik China“, doch nachdem deren regierende Partei, die Kuomintang (KMT), 1949 den Bürgerkrieg gegen die Kommunisten verlor, baute sie auf Taiwan eine von Amerika seit dem Koreakrieg militärisch geschützte Gegenregierung auf. In seiner Verfassung hält Taiwan offiziell immer noch an diesem ursprünglichen Anspruch fest, eine Vertretung für ganz China zu sein – obwohl dies spätestens seit 1971, als die Vereinten Nationen die Volksrepublik China als einzige legitime Vertretung des Landes anerkannten und Taiwan seinen Sitz bei den UN verlor, ganz irreal geworden war. Unter dem Schutz des Auseinanderklaffens von offizieller Sprache und realer Entwicklung konnte sich Taiwan in den letzten Jahrzehnten zu einer der demokratischsten, wohlhabendsten und effizientesten Gesellschaften der Region entwickeln.

          Sobald das Paradox jedoch von der einen oder anderen Seite aufgelöst wird, droht Krieg: Würde Taiwan formell seine Unabhängigkeit erklären, würde China „nicht zögern zu kämpfen“, wie der chinesische Verteidigungsminister Wei Fenghe unlängst in Singapur sagte und damit die schon 2005 formulierte Taiwan-Doktrin der Volksrepublik bekräftigte. Würde Peking von sich aus versuchen, die Insel gewaltsam einzunehmen, träte das 1979 im „Taiwan Relations Act“ formalisierte amerikanische Beistandsversprechen in Kraft – wobei sich Washington in bewusster „strategischer Ambiguität“ offenhält, ob es selbst in den Krieg einträte oder nur Mittel zur Selbstverteidigung bereitstellte.

          Im Schatten geopolitischer Machtkämpfe

          Das Risiko, dass es dazu kommen könnte, ist größer geworden. Bei Chinas Staatschef Xi Jinping mehren sich die Zeichen der Ungeduld. Er spricht zwar weiterhin vom Ziel einer „friedlichen Wiedervereinigung der Nation“, betont aber auch, diese Aufgabe könne nicht „von einer Generation zur anderen“ immer weiter aufgeschoben werden. Die Bevölkerung des Festlands hat er dabei zu größten Teilen hinter sich. Ihr erscheint es aus geographischen, ethnischen und historischen Gründen völlig unzweifelhaft, dass Taiwan zu China gehört, ganz unabhängig von dessen Herrschaftsform. Die Gesellschaft Taiwans hat sich im Zuge ihrer Demokratisierung dagegen immer weiter von solchen ethnonationalen Kategorien entfernt. Obwohl die 23 Millionen Einwohner zählende Bevölkerung zu mehr als 95 Prozent aus Han-Chinesen besteht, empfinden sich neuesten Umfragen zufolge nur fünf Prozent als „Chinesen“ und achtzig Prozent als „Taiwaner“. Diese Selbstbezeichnung trägt den speziellen historischen Erfahrungen der Insel Rechnung, vor allem aber bezeugt sie den Willen, das eigene demokratische System gegenüber dem KP-Regime auf dem Festland zu behaupten.

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