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„Momentum“-Glosse : Ein neues Modewort für die Union

Ralph Brinkhaus und das Momentum in der Politik. Bild: dpa

Als Gegenbegriff zum „Automatismus“ wird in der Union neuerdings das Wort „Momentum“ missbraucht. Was hat es damit auf sich?

          Es reicht jetzt mit der Diffamierung des Automatismus. Jeder meint, auf dem Automatismus rumhacken zu dürfen, wenn es gerade passt, als sei Automatismus ein verseuchter Begriff und „Du Automatist!“ eine moralische Vorhaltung wie „Du Rassist!“ oder (im Retro-Deutsch) „Du Bauernfänger!“

          Nur um Friedrich Merz die Kanzlerkandidatur zu bahnen, wird die vertretbare Ansicht, AKK habe den ersten „Zugriff“ auf den Job („Zugriff“ wie im Polizeirecht und im „Tatort“!), wird dieses Erstgeburtsrecht der Kanzlerkandidatur als Automatismus bekrittelt und damit ein weiteres Mal gegen einen unschuldigen Begriff mobilgemacht. „Ein Automatismus wird der Bedeutung (der Kanzlerkandidatur) nicht gerecht“, behauptet man bedeutungsschwer in der CSU (Thomas Kreuzer et al.), als wäre nicht unser Leben von morgens bis abends von Automatismen durchzogen, ohne dass die Existenz deshalb auch nur ein Fitzelchen an Bedeutung verlöre.

          Wie viele Menschen bleiben aus reinem Automatismus mit ein und derselben Person verpartnert, ein und derselben Lohnarbeit verbunden, ein und derselben Automarke treu. Na und? In der soziologischen Handlungstheorie ist von Routinen die Rede, wenn man Schritt vor Schritt setzt, den Pförtner grüßt und bei Rot den Bremsvorgang einleitet. Will man vielleicht auf Lücke laufen, auf Lücke grüßen, auf Lücke bremsen, um dem Anti-Automatismus Genüge zu tun? Was denken sich diese Leute bei der Union, erst jahrzehntelang den Individualismus zu verleumden, aber nun aus jeder Gepflogenheit ein Happening zu machen? Werden demnächst nicht mehr ganz taufrische Psycho-Weisheiten wie „Lebe im Jetzt!“ oder „Nutze den Moment!“ zu Parteitags-Motti aufgeplustert?

          Moment mal! Tatsächlich ist das „Momentum“, sieht man recht, der in den Unionsparteien momentan angesagteste Gegenbegriff zum Automatismus. Wer sich von der CDU am Ende tatsächlich für das Kanzleramt bewerben werde, hänge vom „Momentum“ ab, wenn die Kandidatur ansteht, erklärt Ralph Brinkhaus, der Unionsfraktions-Chef. Was bedeutet dieser sperrige Bewegungsbegriff, wenn er sich in der Politik breitmacht? Es geht den Parteistrategen beim Momentum um einen szenischen Verlauf, der als ein „Halb zog es ihn, halb sank er hin“ darstellbar sein muss, so dass jeder Geruch absichtsvollen Habenwollens vermieden wird.

          In der Hirnforschung übersetzt man das Momentum als jenen point of no return, nach welchem eine Handlung (hier: der Zugriff) nur noch endogen abrollen kann, weil das vorausliegende neuronale Bereitschaftspotential nicht mehr durch ein „Andersüberlegenkönnen“ (Geert Keil), durch ein Veto also, zu stoppen ist. Das ist der dann doch ehrenvolle Automatismus, um den es Friedrich Merz im Zeichen des Momentums gehen soll. Er soll, wenn die Zeit gekommen ist, als ein Kanzlerkandidat aus der Kiste springen, nicht weil er das unbedingt und immer schon wollte, sondern weil er die Lücke zum Drinnebleiben verpasst hat.

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