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Künstler verlässt Berlin : Wie Deutschland und Ai Weiwei sich fremd wurden

Ai Weiwei in seinem Atelier in Berlin-Prenzlauer Berg. Bild: dpa

Lange diente der Künstler Ai Weiwei dem Westen als Widerstandsfigur in einer Tyranneigeschichte Chinas. Jetzt verunsichert er die Menschenrechtsuniversalisten, indem er sie auf ihre blinden Flecken aufmerksam macht.

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          Die Geschichte des chinesischen Künstlers Ai Weiwei mit Deutschland hat viel mit dem Selbstverständnis dieser Gesellschaft zu tun, mit der Art Universalismus, in der sie ihre Identität finden will. Als Ai noch in Peking lebte und unter den Repressionen des chinesischen Staats zu leiden hatte, übertrug die deutsche Öffentlichkeit auf ihn all ihre Sehnsucht, sich als Verteidiger der Menschenrechte zu fühlen, endlich auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Dank seiner immer frischen, immer scharfen und gewitzten Einlassungen in zahlreichen Interviews gegen die Parteidiktatur hatte er in dieser Öffentlichkeit schon eine große Präsenz, als er, angeblich wegen Steuerhinterziehung, verhaftet wurde. In der Haft und Kautionszeit wurde er dann vollends zu „unserem Mann in China“, der stellvertretend für uns in dieser ansonsten in jeder Hinsicht fernen Gegend für unsere Werte eintritt. Er selbst sagte einmal dem „Handelsblatt“ über seine Gefühle, als er 2015 nach Berlin übersiedelte: „Ich liebe Deutschland. Ich habe mir Deutschland unter allen anderen Nationen ausgesucht, weil die Deutschen ihre Prinzipien, im Vergleich zu anderen Ländern, sehr gut verteidigen.“

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jetzt, nach vier Jahren in diesem Land, sagt Ai der Zeitung „Die Welt“: „Deutschland ist keine offene Gesellschaft. Es ist eine Gesellschaft, die offen sein möchte, aber vor allem sich selbst beschützt.“ Was ist da passiert? Die Belege, die Ai in dem Interview selber beibringt, sind nicht allzu aussagekräftig. Er berichtet nur von drei Konflikten mit Taxifahrern, die ihn aus dem Wagen warfen (die Antidiskriminierungsstelle konnte darin keine Diskriminierung, sondern nur „kulturelle Unterschiede“ erkennen), und von der Weigerung der Berlinale, seine Filme zu zeigen, die er mit der Rücksicht des Festivals auf Peking erklärt.

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