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„Freitag“-Autorin Petra Reski : Von der Mafia lernen heißt schweigen lernen

Die Folgen ihrer couragierten Arbeit

Schon 2013 hatte die Bundesregierung die Beweislastumkehr angekündigt, doch solange die Reform ausbleibt, hat die Mafia leichtes Spiel und die Polizei einen schweren Stand. Gemessen an den Schäden für Wirtschaft und Zivilgesellschaft, finden die Geschäfte der Mafia wenig Beachtung. Recherchen sind aufwendig und schwierig, und obwohl die Verdachtsberichterstattung rechtlich privilegiert ist, erwarten manche Pressekammern von Journalisten Beweistatsachen, die über Verdachtsmomente hinausgehen.

Hinterbliebene von Mafia-Opfern vor wenigen Tagen bei einer Demonstration in Kalabrien: Petra Reski kennt ihre Leidensgeschichten.

Petra Reski schreibt kontinuierlich und kenntnisreich über die Mafia. Sie ist gut vernetzt und zweisprachig, seit mehr als zwanzig Jahren verfolgt sie von Venedig aus die Entwicklungen und Verflechtungen in beiden Ländern. In Artikeln und Büchern, darunter „Mafia – Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ (2008), hat die 1958 in Unna geborene Publizistin Machtstrukturen und Machenschaften durchleuchtet, die Gefahren deutlich gemacht und sich selbst in Gefahr begeben. In ihren Arbeiten verbinden sich Anschauung und Analyse mit Unerschrockenheit und Courage. Die Folgen bekam sie zu spüren: Unterlassungs- und Verleumdungsklagen, Pressionen, Prozesse.

Ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlicher Fall

„Jeder, der über die Mafia schreibt, tut das auf eigene Gefahr.“ Der Satz wird auch von Petra Reski in einem Artikel zitiert, der am 17. März 2016 unter dem Titel „Die Bosse mögen’s deutsch“ in der Wochenzeitung „Freitag“ erschienen ist. Auf einer ganzen Seite stellt sie dar, wie schnell und umstandslos die Mafia in Ostdeutschland Fuß fassen konnte, beschreibt die Schwierigkeiten, über deren Aktivitäten zu berichten, und belegt sie mit eigenen Erfahrungen. Ein Jahr später hat der Satz die Autorin in beunruhigender Weise eingeholt. Die erfolgreiche Klage eines italienischen Geschäftsmanns vor dem Landgericht Leipzig, der in dem Artikel namentlich erwähnt wird und seine Persönlichkeitsrechte verletzt sieht, hat die Journalistin getroffen – finanziell, in ihrer Ehre und Existenz. Genau darum dürfte es dem Kläger auch in erster Linie gehen. Denn sein Name war in anderen Zeitungsberichten über das Urteil schon genannt worden, und die einstweilige Verfügung beantragte er zunächst gegen die Autorin, erst danach erhielt der „Freitag“ eine Abmahnung.

Der Fall ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Denn Aufhänger des Artikels von Petra Reski war ein früheres Urteil ebenfalls des Landgerichts Leipzig zugunsten desselben Geschäftsmanns. Dieser hatte gegen die am 4. November 2015 ausgestrahlte MDR-Dokumentation „Provinz der Bosse – Die Mafia in Mitteldeutschland“ geklagt, weil er in der darin „Michele“ genannten Person identifizierbar dargestellt sei, die nach Ermittlungen der italienischen Behörden der Mafia zugerechnet werde und als Finanzverwalter von Erfurt aus an der Expansion der ’Ndrangheta beteiligt sei.

Nicht einmal der Versuch, der Autorin beizuspringen

Dieses öffentliche Urteil hat Petra Reski im „Freitag“ referiert. Den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung hatte das Gericht, wie es dem Kläger mitteilte, zunächst für „jedenfalls hier unzulässig“ gehalten. Im Übrigen sei fraglich, „ob die Grundsätze der Verdachtsberichterstattung vorliegend überhaupt Anwendung finden“, die der Kläger verletzt sah. Dann aber ließ das Gericht, das in Presseverfahren als besonders klägerfreundlich gilt, den Antrag entgegen diesem ersten Hinweis zu und gab der Klage statt: Petra Reski wurde am 24. Februar 2017 auf Unterlassung der Verbreitung verurteilt und das Urteil gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 5000 Euro für vorläufig vollstreckbar erklärt.

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