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Teatro Massimo auf Sizilien : Oper ist ein Labor

  • -Aktualisiert am

Palermos Opernhaus Teatro Massimo Bild: Picture-Alliance

In Palermo verwandeln der Musikdirektor Omer Meir Wellber und der Bürgermeister Leoluca Orlando das Teatro Massimo in ein Bollwerk der Zivilgesellschaft gegen die Mafia. Und für eine humane Flüchtlingspolitik.

          7 Min.

          „Non vi lascia- mo senza musica“ steht auf dem großen weißen Banner über den berühmten Treppen des Hauptportals, die von zwei mächtigen bronzenen Löwen flankiert werden, fünf Worte, die das besondere Verhältnis zwischen den Palermitanern und ihrem Opernhaus bezeugen, gerade jetzt in der Pandemie. „Wir lassen euch nicht ohne Musik zurück“, so könnte man den Krisenslogan des Teatro Massimo übersetzen. Es ist Ende Januar, gerade wurde die sizilianische Metropole wieder als „zona rossa“ stillgelegt, Restaurants und Bars haben geschlossen, nie zuvor hat man Palermos Straßen so menschenleer erlebt. Wer sein mitgebrachtes Essen auf einer Parkbank vor dem Massimo verzehren will, wird von der Polizia Municipale freundlich, aber in Mannschaftsstärke vom Platz begleitet.

          Anders aber als viele Theater und Opernhäuser in Europa ist das „Massimo“ nicht still zu kriegen. „Il crepuscolo dei sogni“ – „Traumdämmerung“ haben der deutsche Opernregisseur Johannes Erath und der Musikdirektor des Massimo, Omer Meir Wellber, ihr Konzert genannt, das sie kurzerhand ins Programm genommen haben. Eine sinfonische Zustandsverdichtung nennt es Erath im Gespräch, um der Musik eine Stimme zu geben, die ihr durch Corona genommen wurde. Die Sehnsucht nach Musik, nach Trost ist gewaltig, die Premiere am Tag darauf werden 30.000 Menschen im Livestream verfolgen, nie zuvor hat das Massimo so viele Menschen erreicht.

          Erath und Wellber haben ein Pasticcio aus fünf Jahrhunderten Musikgeschichte kompiliert, deutsche, italienische, russische Literatur, und das ganze Massimo wird zur Bühne. Im Mittelpunkt der Erzählung ein Liebespaar im Lockdown-Stress, die Türen verriegelt, auf Kunstschnee und Spiegelfolie symbolisiert ein wiederkehrender Mephisto die aufziehende Kälte. Schnee in Palermo – das gab es noch nie! Der sinfonische Cocktail reicht vom Barock bis ins 20. Jahrhundert, von Purcell bis Korngold, vom Schellack-Schlager „Irgendwo auf der Welt“ bis Beethovens Fidelio, unmittelbar nach Wagners Liebestod ausgerechnet Klezmer, ein mephistophelischer Wellber singt im Videoclip ein jiddisches Hochzeitslied, immer wieder blitzt die lungenkranke Violetta als Covid-19-Analogie auf, bis alles im gewaltigen Chor von Arrigo Boitos Mefistofele-Prolog kulminiert – die Sänger abstandsgemäß einzeln auf die Logen verteilt.

          „Nicht bloß Entertainment“

          Eine solche Pandemie-Programmierung ist typisch für den jungen Maestro Omer Meir Wellber, 39, Chefdirigent der BBC Philharmonic, erster Gastdirigent der Semperoper und seit zwei Jahren Musikchef in Palermo. „Ich kann hier Musik machen und gesellschaftlich relevant sein. Ich will, dass wir die Kluft zum Publikum auflösen, Oper darf nicht bloß Entertainment sein, das wäre mir zu wenig.“ Wellber – unüberhörbar – Barenboim-Schüler. Für Palermo ist er damit der richtige Mann. Über dem Hauptportal des Massimo ist eine Inschrift eingemeißelt, sie beginnt mit „L’arte rinnova popoli“ – die Kunst erneuert den Menschen, seit zwei Jahren zeigt Wellber, wie er sich das vorstellt.

          Seinen Einstand gab der Israeli aus der Beduinenstadt Beerscheva, am Rande der Negevwüste, im Januar 2019 mit Parsifal, Wagner hatte die Oper in Palermo komponiert. Zusammen mit dem für seine Sozialkritik bekannten englischen Regisseur Graham Vick machte Wellber aus dem durchgeistigten Bühnenweihfestspiel eine zeitgenössische Flüchtlingsgeschichte. Auf der Bühne westliche Soldaten, die im stilisierten Nahen Osten ihren schrecklichen Kriegs- und Vertreibungsritualen nachgehen, ehe fröhliche Blumenmädchen demonstrativ ihren Hijab ablegen. Überwältigend der Moment, als der „Regenbogenchor“ des Massimo, der zu einem großen Teil aus Migrantenkindern aus Palermos Armenvierteln besteht, auf die Bühne tritt und Wagners überhöhten Erlösungsgestus entlarvt. Während der damalige rechtspopulistische Innenminister Matteo Salvini die Schließung aller italienischen Häfen für Rettungsschiffe auf dem Mittelmeer befahl, dirigierte Wellber im Massimo die Heilsmythologie Wagners als politische Parabel für den Weg der Fliehenden aus dem Krieg in die Freiheit.

          Auch das Neujahrskonzert 2020 programmierte Wellber im Zeichen der Flüchtlingsdebatte. Er lud den syrischen Lautenspieler Ashti Abdo mit seiner Band ein, zusammen mit dem Orchester seine Musik zu spielen. Die Begeisterung für Ashtis kurdische Balladen ist in der Stadt, die Tausende Flüchtlinge aufgenommen hat, bis heute ungebrochen. Anfang dieses Jahres widmete Wellber das Neujahrskonzert der großen Queer-Community der Stadt. Verdis Traviata-Score elektronisch bearbeitet, Sänger Ernesto Tomasini, selbst eine LGBT-Ikone, als trans Mann Alfredo, Oper ist immer auch Labor, sagt Wellber. Er wolle jedes Jahr den Fokus auf eine andere Minorität in der Stadt lenken, in Verona wäre das undenkbar. Der Grund, warum die als Mafia-Hochburg verschriene Stadt heute als eine der weltoffensten Italiens gilt, hat viel mit dem Bürgermeister zu tun, der seit 35 Jahren die Mentalität der Stadt prägt wie keiner zuvor: Leoluca Orlando.

          Von der Mafia- zur Kulturstadt

          Eine Geschichte über Palermo ohne Verweis auf den Mafiajäger Orlando und die Heimat der Cosa Nostra scheint unvollständig, dabei bedient das vor allem die Klischees der Vergangenheit. Palermo ist heute mehr als alles andere eine europäische Kulturstadt und – auch das – eine politische Utopie. Besuch im Palazzo Pretorio, dem Rathaus. Carabinieri sichern den Palast aus dem 15. Jahrhundert, in dem, so scheint es, am vergangenen Samstag nur der Bürgermeister arbeitet. Auf dem Schreibtisch von Leoluca Orlando, 73, liegt ein Bild des Dalai Lama, mit dem er befreundet ist. Seit seiner ersten Wahl 1985 steht Orlando unter Polizeischutz, er ist, so wird er später erzählen, seit dieser Zeit kein Auto mehr gefahren, und wenn er spazieren geht oder ins Restaurant, sind immer vier Personenschützer dabei.

          Belustigt erzählt Orlando von seiner Frau, die es sich – inkognito – beim Busfahren zur Angewohnheit gemacht hat, ihn bei seinen Wählern schlechtzumachen, in der Hoffnung, ihn irgendwann wieder ganz für sich zu haben. Er weiß also aus erster Hand, wie beliebt er ist. Es ist Orlandos sechste Amtszeit, die im kommenden Jahr endet, er kann nicht mehr wiedergewählt werden. Er scheint seinen Frieden damit gemacht zu haben, wohl auch deshalb, weil ihm sein Vermächtnis niemand mehr nehmen kann: die Wiedereröffnung des Teatro Massimo am 12. Mai 1997. Eine Fotografie im Büro des Intendanten zeigt ein paar Dutzend Zuhörer, die vor der Bühne stehen und gebannt auf die Berliner Philharmoniker starren. Sitzreihen waren noch keine eingebaut.

          23 Jahre lang war das sanierungsbedürftige Opernhaus geschlossen, die Mafia herrschte über das Massimo, Millionen flossen in dunkle Kanäle, saniert wurde nichts. Eine ganze Generation Palermitaner kannte das verfallene Gebäude und wusste doch nicht, was es ihnen bedeuten sollte. Jeder neue Bürgermeister versprach, das Massimo zu öffnen, Orlando half, dass sich die Stimmung nach der Ermordung der beliebten Mafiajäger Falcone und Borsellino 1992, beide aus Palermo, drehte. Die Bürger hatten endgültig genug vom Schattenwerk der Mafia, Orlando wusste daraus Kapital zu schlagen.

          „Die Eröffnung des Massimo war die kulturelle Wiedergeburt Palermos“, sagt Orlando heute, der keine Premiere verpasst und bestimmt zwanzigmal pro Spielzeit in die Oper geht. Vor einigen Jahren hat er einen Erzählband veröffentlicht, darin beschreibt Orlando, wie er den „sizilianischen Karren“ aus dem Mafiasumpf gezogen hat. Die beiden Räder des Karrens „Palermo“ stehen heute für Legalität und Kultur. Um nicht im Kreis zu fahren, müssen sich beide Räder gleich schnell drehen. Gegen gewöhnliche Kriminelle reiche Polizei, sagt Orlando im Gespräch mit dieser Zeitung, aber gegen eine kriminelle Kultur, im Namen von Gott oder Familie – er vergleicht die Cosa Nostra mit dem islamischen Terror – „was soll Polizei da ausrichten?“

          Eine Innenansicht des Teatro Massimo in Palermo
          Eine Innenansicht des Teatro Massimo in Palermo : Bild: Bibliotheca Hertziana

          Natürlich gebe es die Mafia in Palermo immer noch, aber der Unterschied sei, „die Mafia regiert die Stadt nicht mehr, ich regiere die Stadt“. Früher gab es 200 Mafia-Tote jedes Jahr, heute sind es – Orlando schließt Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis – „Zero“. Die sizilianische Mafia hat sich auf Menschenschmuggel, Drogenhandel, Schwarzgeld verlegt. Die Lehre von Palermo, so Orlando, für wirklichen Wandel brauche man nicht nur mehr Polizisten, vor allem Polizistinnen, die er eingestellt hat, sondern Bildung, Lehrer, Künstler, Vorbilder. Es sei nicht ganz zufällig, dass es in Kalabrien kein Teatro Massimo gebe, dort also, wo gerade der größte Mafia-Prozess („Rinascita“) in der Geschichte des Landes stattfindet, gegen 355 Mafiosi quer durch alle Clans.

          Um diesen Wandel in der Stadt zu verankern, initiierte Orlando, zusammen mit seinem langjährigen Direktor für Kultur, dem heutigen Massimo-Intendanten Francesco Giambrone, 64, eine Vielzahl von Kulturprojekten. Schulklassen „adoptierten“ berühmte Monumente der Stadt wie das Massimo, organisierten Führungen, die heute über eine Million Euro in die Opernkasse spülen. Später holte man die europäische Kunst-Biennale „Manifesta“ nach Palermo. Der Bürgermeister forcierte die Gründung der „Consulta della Cultura“, eine Art Stadtrat von Migranten für Migranten, inklusive freier Wahlen. Als der Consulta-Präsident von Orlando mehr Teilhabe der Flüchtlinge in der Stadt einforderte, gründete das Massimo den Rainbow-Chor, in dem heute bis zu 50 Kinder mit Migrationshintergrund singen.

          Klare Haltung in der Flüchtlingskrise

          Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 schrieb Orlando seine „Charta von Palermo“ und forderte die Staatengemeinschaft auf, das Recht auf Mobilität als Menschenrecht anzuerkennen und die Regelungen zur Aufenthaltserlaubnis abzuschaffen, um die Flüchtlinge nicht in die Illegalität zu treiben. Als Innenminister Salvini die italienischen Häfen für Rettungsschiffe schließen wollte, widersetzte sich Orlando und ließ die Flüchtlinge in Palermo an Land. Salvini war außer sich, drohte, die Armee zu schicken, als Antwort organisierten rund eintausend Jugendliche einen Flashmob, marschierten zum Rathaus und skandierten „Forza Sindaco!“ – „Mach weiter, Bürgermeister, mach weiter!“

          Am besten illustriert Orlandos „Karrenpolitik“ die Idee der „Opera Camion“, zu Deutsch: die Lastwagen-Oper. Das Massimo schickt seine Sänger, Musiker, Techniker mit einem großen Truck in die Problemviertel der Stadt: Die Fläche des Trucks ist die Bühne, davor sitzt das Orchester, rundherum Stühle für Menschen, die nie zuvor eine Oper gesehen haben dürften. Intendant Giambrone erinnert sich an das erste Massimo-Gastspiel im Stadtteil Zen 2017, auf dem Programm: Der Barbier von Sevilla.

          Zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn waren alle 100 Plätze unbesetzt. Zwei Minuten vor Beginn kamen etwa 15 Kids, die Ärger provozieren wollten. Als das Orchester zu spielen begann, hörten die Jugendlichen auf herumzupöbeln. Weitere zehn Minuten später kamen Frauen und Mütter mit ihren Babys auf dem Arm und blieben hinter den Stuhlreihen stehen. Eine Viertelstunde später kamen die Männer, nicht wenige von ihnen mit der Mafia verbandelt, die Frauen begannen, sich auf die Stühle zu setzen. Als die Frauen saßen, öffneten sich die Fenster der umliegenden Häuser. Kurz vor dem Ende kam der lokale Polizeichef auf Giambrone zu: „Gratuliere, in der letzten Stunde dürfte es in Zen kein Drogendelikt gegeben haben, das ist uns in den letzten zehn Jahren nicht passiert.“

          Der Wandel braucht Ausdauer

          Die fünfzehn Kids lud Giambrone zur nächsten Vorstellung ein: Aschenputtel in der Royal Box. Das Massimo sei ein „anthropologisches Experiment“, es diene der Community, nicht den Eliten, darauf besteht Superintendent Giambrone. Bis Corona tourte die Lastwagen-Oper durch die Problemviertel Palermos, die sich in den letzten Jahren verändert haben. Das Wirtschaftsleben von Danisinni etwa basiert heute vorwiegend auf Tourismus und nicht mehr auf der Mafia. Etliche neue Bed & Breakfast und kleine Cantinas sind entstanden, die Kriminalität ist zurückgegangen, auch wenn die Jugendarbeitslosigkeit immer noch hoch ist. Damit die Mafia in der Krise der Pandemie nicht wieder Boden gutmachen kann, habe er „wie ein Verrückter“ versucht, den am härtesten betroffenen Menschen Essen, Medikamente und Masken zu organisieren, erzählt Orlando. „Wir müssen aufpassen, dass niemand mehr den Zauberern in die Hände fällt.“

          Vor Konzertbeginn führt Omer Meir Wellber auf das Dach des Massimo, seinen Lieblingsplatz, exakt 46 Meter über der Bühne. Dort findet die „Traumdämmerung“ Stunden später ein Happy End mit Monteverdis Duett „Pur ti miro, pur ti godo“ – „Dich nur anschauen, dich nur genießen“. Das Liebespaar im Lockdown versinkt im Liebesrausch, Wellber untermalt mit dem Akkordeon, ein gewaltiger Herzschlag beginnt zu pochen, das Massimo bringt das Leben zurück in die Stadt, die sich nicht mehr im Kreise dreht.

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