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Solschenizyn-Dokumentation : Ein Meilenstein auf dem Weg zur Vereinnahmung

12. Juni 2007 in Moskau: Wladimir Putin zeichnet Alexander Solschenizyn für sein gesellschaftliches Engagement mit dem Staatspreis aus. Bild: dpa

Alexander Solschenizyn hat wie kein anderer Schriftsteller das System erschüttert, in dem Putins Karriere begann. Jetzt feiert das russische Staatsfernsehen den Nobelpreisträger – als Frontkämpfer.

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          Im Januar vor 74 Jahren herrschten östlich der Oder Eis und Schnee. Es war zwar nicht der strengste Winter des Jahrzehnts, aber für viele Zivilisten und Soldaten sollte es der schlimmste werden. In diesem Monat stieß die Rote Armee – nachdem sie im Oktober zunächst zum Stehen gebracht werden konnte – mit Schwung durch Ostpreußen und erreichte schnell die Ostsee. In ihren Reihen kämpfte, Seite an Seite mit Hunderttausenden Kameraden, ein 26 Jahre alter Hauptmann: Alexander Solschenizyn. Im fernen Rostow am Don hatte der Absolvent der Mathematik, seit die Wehrmacht seine Heimat überfallen hatte, den Armeearzt bekniet, ihn für fronttauglich zu erklären; ohne Erfolg. Erst im Oktober 1941 wird er einberufen; man steckt ihn in einen Schulungskurs der Artillerie. Dann kommt er nahe der Stadt Orjol an die Front: in einer Schallmessbatterie, deren Aufgabe es ist, die Standorte feindlicher Geschütze akustisch zu bestimmen. Als er – nach mehr als tausend Kilometern Krieg – Ostpreußen erreicht, ist er der Kommandeur seiner kleinen Einheit.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Daran hat jetzt das russische Staatsfernsehen mit einem aufwendig gemachten Dokumentarfilm erinnert. Doch folgen wir zunächst den literarischen Spuren des Vormarschs: Seine Erlebnisse auf deutschem Boden hat der spätere Literaturnobelpreisträger in der Versdichtung „Prusskie notschi“ verarbeitet. Sie ist seit ihrer Erstveröffentlichung im Exil etwas in Vergessenheit geraten. „Ostpreußische Nächte“ lautet der Titel der gelungenen Übertragung durch Nikolaus Ehlert (1974). Es gibt nur wenige Berichte russischer Schriftsteller über den deutsch-sowjetischen Krieg, die ähnlich schonungslos und selbstkritisch wären.

          Immer wieder lodert der verständliche Rachedurst von Solschenizyns Kameraden aus den dahingaloppierenden Versen. Doch früh beginnt die staunende Betrachtung der deutschen Andersartigkeit. Wie einst in den napoleonischen Kriegen, so kommen auch jetzt russische Soldaten zu ihrem ersten Europa-Erlebnis: „Keine strohgedeckten Häuser, / selbst die Schuppen – wie Palais.“ Aber dann wird abgefackelt. Nicht die Verteidiger, die Eroberer hinterlassen verbrannte Erde: „Alles brennt!! Es brennen Ställe, / brüllt das eingeschloss’ne Vieh.“ Und dann und wann hebt sich der Dichter heraus: „Mag die Menge um mich wüten – / ich trag’ keinen Groll in mir./ Werd’ nicht einen Span entzünden, / doch auch löschen – nicht ein Schloss!“

          „Ein wahrer, echter Patriot Russlands“

          Die Rotarmisten staunen – und plündern guten Gewissens, wo sie können. Das lyrische Ich macht mit: „äußerlich nur Offizier, / lauf’ auch ich durch diese Räume.“ Das Bewegendste an diesem Poem ist wohl die Schilderung des Umgangs der Soldaten mit Zivilisten, insbesondere mit Frauen. Flüchtlingstrecks ziehen an den Soldaten vorbei. Eine „üppige Blondine“ wird im Schnee erschossen, über einen Säugling wird noch diskutiert („Hat die Führung doch befohlen: / BLUT FÜR BLUT!“). Und dann die mehrfach beschriebenen Vergewaltigungen („fünf hitzige Minuten“).

          Am Ende, nachdem in einer philosophierenden Passage die Worte „ALLE TUN ES!“ gefallen sind, erfasst der Trieb auch den widerstrebenden Hauptmann. In einer langen, psychologisch fein beschriebenen Szene fordert er die Deutsche Anne mit dem Wort „Komm!“ auf, sich zu entkleiden. Körperliche Gewalt ist nicht im Spiel. Aber kann in dieser Kriegskonstellation von einvernehmlichem Sex die Rede sein? „Keine strahlende Erregung, / kein Geläut in meiner Brust.“ Sekunden später durchzuckt den Hauptmann „späte Reue“. Schon zuvor hatte er, der als Kommandeur in einem erbeuteten Opel „Blitz“ fahren darf, mehrfach sein Mitmachen und Gewährenlassen reflektiert: „Wie Pilatus meine Hände / werd’ ich waschen frei von Schuld...“

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