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Großbritanniens Premier : Das Hasenfußrennen

Boris Johnson, britischer Premierminister, vor der Downing Street 10 Bild: dpa

Staatstheater mit großen Unterhaltungsqualitäten, Nerven auf den letzten Metern vor dem Abgrund: Das sind die Koordinaten von Boris Johnsons Politik. Können wir auch, was er kann?

          Boris Johnson ist schon vieles genannt worden: einen inkompetenten Lügner, einen schamlosen Clown, einen manischen Selbstvermarkter, einen egoistischen Hanswurst, einen von sich selbst absorbierten Soziopathen, auf vielfältige Weise böse und so weiter.

          Interessant ist darum, wie er so weit kommen konnte. Zahlreiche öffentliche wie private Skandale trugen Johnson in England die Bezeichnung „unser Berlusconi“ ein, hielten ihn aber nicht auf. Mehrfach der Lüge überführt, mehrfach der Beleidigung ethnischer Minderheiten, mehrfach der peinlichen Geschmacklosigkeit, wirkte er aufsteigend in einem politischen Amt nach dem nächsten: Parlamentsabgeordneter, Bürgermeister von London, Außenminister, Parteivorsitzender, Premierminister.

          Eine Antwort darauf, wo der Schlüssel zu Johnsons bisherigem Erfolg liegt, könnte sein, dass politische Parteien, anders als es Kevin Kühnert (SPD) soeben behauptet hat, eben doch für viele nur Unterhaltungssendungen sind. Wer für einen Moment nicht an die Belastungen denkt, die auf Großbritannien bei einem No-Deal-Brexit zukommen, oder erst gar nicht an sie glaubt, mag sich durch den Coup Johnsons, mittels Verlängerung der Parlamentsferien eine Gesetzesinitiative gegen ihn zu verhindern, wie durch einen komödiantischen Streich belustigt sehen. Eine sehr alte Königin macht das durchtriebene Spiel mit. Von den Hunderten Mitgliedern, die ihr Kronrat hat, hatten sich unter strenger Geheimhaltung gerade einmal drei ins schottische Balmoral aufgemacht, um Johnson bei der Queen zu unterstützen. Johnsons Gegner schäumen jetzt vor Wut, einer hat angekündigt, sich notfalls von der Polizei aus dem Unterhaus tragen zu lassen. Das alles hat Theaterqualitäten, die dem Regisseur des Stücks „Was ihr gewollt habt oder Wie es mir gefällt“ gutgeschrieben werden.

          Nachdenken kann man später immer noch

          Vor allem aber, und das ist die andere Antwort darauf, wie Johnson bis hierhin durchkam: Die Verwegenheit der Staatsaktion zeigt einer teils entsetzten, teils „Bravo!“ rufenden Bürgerschaft einen weitgehend rücksichtslosen Menschen. Einen, der sich durch Waghalsigkeit mehr individualisiert, als er es durch Verstand jemals könnte, einen, der ganz unbekümmert ist, noch aus dem größten Chaos als Sieger hervorzugehen. Am Vorabend seiner letzten Podiumsdiskussion im Kampf um den Parteivorsitz, wir erinnern uns, hatte Johnson sich mit seiner Lebensgefährtin nachts so laut gestritten, dass Nachbarn die Polizei holten. Selbstdisziplin? Tun, was andere täten? Nachdenken, was aus etwas folgt? Es ist ihm egal. Nachdenken kann man ja immer noch, wenn es unumgänglich ist. Das Spiel, bei dem zwei Autos auf eine Klippe zurasen und gewinnt, wer zuletzt aus seinem aussteigt, möchte man mit Boris Johnson nicht spielen.

          Die Europäische Union und Großbritannien fahren, um im Bild zu bleiben, nicht auf dieselbe Klippe zu. Gemeinsam hatten sie sich auf den 31. Oktober als Austrittstermin der Briten festgelegt. Johnson will jetzt dem Parlament in London keine Zeit lassen, ihm bei einem ungeregelten Brexit in den Arm zu fallen. Er nutzt gewissermaßen, dass unter anderen Emmanuel Macron im Frühjahr der Geduldsfaden riss, weswegen jener 31. Oktober festgeklopft wurde, anstatt der britischen Selbstzermürbung noch mehr Zeit zu geben. Zugleich hat er das Gerücht in Umlauf bringen lassen, die EU werde ihm doch noch entgegenkommen.

          Wie wäre es nun aber, wenn Boris Johnson nach seiner Regierungserklärung am 14. Oktober ein kurz darauf folgendes Misstrauensvotum nicht überstünde? Gewiss kämen dann eine neue Regierungsbildung oder Neuwahlen zu spät für den 31. Oktober. Aber wenn die EU ihrerseits nicht an diesem Austrittstermin festhielte? Wenn sie den Briten dann noch einmal Zeit gäbe, bis es mit Johnson ein politische Ende hat. Wer jetzt sagt, „Das geht doch aus folgenden Gründen nicht“, bewegt sich ehrenhafterweise in der Welt der guten Begründungen. Es ist nicht die Welt von Boris Johnson, und es ist vielleicht auch nicht die Welt, in der man ruchlosen Burschen wie ihm den Schneid abkaufen kann.

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