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Zensur in der Pandemie : Das Wort „Coronavirus“ ist verboten

Der chinesische Präsident Xi Jinping Anfang März beim Besuch eines Krankenhauses in Wuhan. Bild: dpa

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Darum bemühen sich Journalisten in der Corona-Krise in aller Welt. Aber sie werden bekämpft, von Autokraten, die meinen, sie müssten auftrumpfen.

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          Gerade in Zeiten der Krise, sagt Dunja Mijatović, „müssen wir unsere kostbaren Freiheiten und Rechte schützen“. Besonders im Blick hat die Menschenrechtskommissarin des Europarates bei ihrem Appell, den sie am Freitag veröffentlichte, die Presse- und Meinungsfreiheit.

          Denn deren Unterdrückung breitet sich in der Corona-Krise ebenfalls virusartig aus. Bekämpft wird die Wahrheit, bekämpft werden Journalisten, die ihren Blick auf das richten, was ist, nicht auf das, was Regierungen verkünden.

          Die Liste der Länder, in denen die Pressefreiheit unterdrückt wird, war auch schon ohne Covid-19 lang. Jetzt wird sie noch länger. Ägypten, Armenien, Aserbaidschan, Bosnien-Hercegovina, Honduras, Iran, Ungarn, Russland, Slowenien, Syrien, die Türkei, Venezuela und nicht zu vergessen – China.

          Gerade die autoritären Regimes, die meinen, in der Corona-Krise auftrumpfen und die vermeintliche Schwäche westlicher Demokratien aufdecken zu können, demonstrieren, wie schwach sie sind und dass ihre vermeintliche Stärke pure Behauptung ist, die auf der Ausübung von Gewalt beruht.

          In der Türkei, wo Journalisten seit Jahren von Erdogans Regime verfolgt werden, landen Reporter inzwischen im Gefängnis, weil sie über Covid-19 berichten. Die Regierung von Turkmenistan hat, wie die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ festhält, sogar das Wort „Coronavirus“ verboten. Die staatlich überwachten Medien dürfen die Vokabel nicht verwenden, aus offiziellen Broschüren ist sie getilgt, Bürgern, die Schutzmasken tragen oder sich in der Öffentlichkeit über die Pandemie unterhalten, droht, wie „Reporter ohne Grenzen“ schreibt, die Festnahme.

          In afrikanischen Ländern ist die Lage nicht besser. Alle 55 Staaten der Afrikanischen Union habe die Pandemie inzwischen erreicht und mit ihr die Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit. In Kongo hätten Polizisten einen Reporter vom Motorrad gestoßen, in Senegal sei ein Fernsehteam von Polizisten mit Schlagstöcken verprügelt worden, in Uganda sei der Chef eines Radiosenders von Polizisten angegriffen und beraubt worden, in Nigeria sei ein Drehteam von Mitgliedern einer Kirche angegriffen worden, aus Äthiopien wird von einer Verleumdungskampagne gegen ausländische Journalisten berichtet. Hinzu kommt die Zensur, für die „Reporter ohne Grenzen“ beispielhaft Fälle aus Liberia, Nigeria und der Elfenbeinküste nennt. Die Aufzählung ist nicht vollständig.

          So wie andere ihre Leser mit einem „Corona-Ticker“ über die Entwicklung der Pandemie auf dem Laufenden halten, zeichnet „Reporter ohne Grenzen“ in einer fortwährend länger werdenden Erzählung auf, wie sich das Virus der Lüge, Zensur und Unterdrückung der Wahrheit ausbreitet, von dem man nicht vergessen darf, dass es seinen Ursprung genau dort nahm, wo der neuartige Corona-Erreger herkommt – in China, in der Provinz Hubei, in der jetzt viel mehr Angehörige die Urnen ihrer Verstorbenen abholen dürfen, als die offizielle Statistik Opfer nennt, und Reporter, die den Verlautbarungen der Staatsführung nicht trauten, verschwunden sind.

          „Die Pressefreiheit darf nicht zum nächsten Opfer dieser Pandemie werden“, sagt Christian Mihr, der Geschäftsführer von „Reporter ohne Grenzen“ in Deutschland. Mit Blick auf diese Pandemie muss man wohl leider konstatieren: Das ist schon geschehen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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