https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wie-auslaendische-medien-die-silvesternacht-in-koeln-sehen-14002442.html

Sexuelle Übergriffe in Köln : Das ist der Stresstest für den deutschen Willkommenskurs

Schaut auf diese Stadt: Was in der Silvesternacht in Köln geschah, macht Schlagzeilen in der ganzen Welt. Bild: dpa

Die Presse im Ausland notiert genau, wie Politik und Medien auf die sexuellen Angriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln reagieren. Die Wertung fällt eindeutig aus.

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          Was in Deutschland bisher nur unter der Oberfläche gesimmert habe, beginne nach dem Bekanntwerden vielfacher sexueller Übergriffe auf Frauen, die in der Silvesternacht von Männern mit nordafrikanischem oder arabischem Aussehen begangen worden seien, offen zu brodeln: das Unbehagen an Angela Merkels Flüchtlingspolitik.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          So steigt die „New York Times“ am Mittwoch in ihre Berichterstattung ein über das, was in Köln und anderen deutschen Städten geschehen ist, und spricht von einer „neuen politischen Herausforderung für die Kanzlerin“. Die amerikanischen Journalisten halten es wie ihre Kollegen in Großbritannien, Frankreich und Italien: Seit Bekanntwerden der Ereignisse verfolgen sie akribisch die hiesige Berichterstattung, geben sie an ihre Leser weiter – aber ziehen ihre eigenen Schlüsse.

          So hat die Auslandspresse, ohne zu zögern, einen Zusammenhang zwischen den Übergriffen und der Flüchtlingskrise hergestellt und prophezeit unisono, dass die deutsche Asyldebatte von den Vorkommnissen nicht unberührt bleiben werde. Rechtsgerichtete politische Kräfte wie die AfD könnten Auftrieb erhalten – obwohl, wie im „Guardian“, in der „Washington Post“, in „Le Monde“ und „La Repubblica“ nachzulesen ist, Politiker in Deutschland alles täten, um einen Kurzschluss zu der großen Zahl Asylsuchender im Land zu verhindern und Flüchtlinge von einem Generalverdacht freizuhalten.

          „Opferbereite Naivlinge“

          Die niederländische Zeitung „De Telegraaf“ findet dafür drastische Worte und attestierte den Deutschen, „opferbereite Naivlinge“ zu sein. Die „Washington Post“ konstatiert: „Offizielle in ganz Deutschland bewegen sich auf einem schmalen Grat, wenn sie die Ereignisse kommentieren: Ihr offensichtliches Anliegen ist, die Tat weniger nicht in die Nähe der vielen zu rücken“, die als Flüchtlinge gekommen seien. In der Furcht davor, Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten zu gießen, sieht der „Guardian“ den wahrscheinlichen Grund dafür, dass die Polizei die Übergriffe erst verschwieg und die Medien mit Verzögerung berichteten.

          Die Entschuldigung des stellvertretenden ZDF-Chefredakteurs dafür, dass die „heute“-Sendung das Thema am Montag nach Silvester nicht in der Sendung hatte, schaffte es ebenso ins Blatt wie die Wortmeldung der ehemaligen Familienministerin Kristina Schröder, nun müsse man Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen muslimischer Kulturen in den Blick nehmen, und die scharfe Kritik des Innenministers Thomas de Maizière an der Polizei. „Le Monde“ und die Londoner „Times“ zitieren Aussagen von Zeuginnen, der „Corriere della Sera“ nennt Köln eine Stadt „unter Schock“.

          Mit ihrer Armlängen-Empfehlung kommt sie nirgends gut an: Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker.
          Mit ihrer Armlängen-Empfehlung kommt sie nirgends gut an: Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker. : Bild: dpa

          Keine Zeitung im Ausland, die sich des Themas annimmt, kommt ohne kritische Einlassungen zum Vorschlag der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker aus, Frauen sollten als Präventivmaßnahme eine Armlänge Abstand zu potentiellen Gewalttätern einhalten. Die Empörung in den sozialen Netzwerken unter dem Stichwort #einearmlaenge ist auch außerhalb Deutschlands angekommen. Dort wird die Kölner Innenstadt als zumindest temporäre No-Go-Zone für Frauen beschrieben, werden die Ermittlungen genau beobachtet und Details aus dem nun publik gewordenen internen Polizeibericht wiedergegeben. Die Silvesternacht und wie sie bewältigt wird – das wird als Nagelprobe auf das Gelingen oder Scheitern deutscher Willkommenspolitik gelesen.

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