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Internet-Zensur in China : Wie Apple und Facebook vor Peking kuschen

  • -Aktualisiert am

Da ist der Wurm drin: In China verfolgt Apple eine ganz eigene Geschäftspolitik. Bild: AP

In der Auseinandersetzung mit Donald Trump geben sich die Konzerne aus dem Silicon Valley als Hüter der Meinungsfreiheit. Was machen sie in China? Sie spielen der Zensur in die Hände.

          Es war eine kleine Meldung in den Nachrichten, doch sie ist von großer Tragweite: iPhone-Nutzer in China können künftig die Nachrichten-App der „New York Times“ nicht mehr herunterladen – Apple hat die App auf Drängen der Regierung aus seinem App-Store entfernt. Die Website der Zeitung wurde von den Behörden schon länger blockiert – zu kritisch war die Berichterstattung. Smartphone-Nutzer in Russland können die App des Karrierenetzwerks LinkedIn nicht mehr herunterladen. Die Aufsichtsbehörde hat Google und Apple aufgefordert, das Programm aus ihren Software-Läden zu streichen.

          Apples China-Zensur kommt nicht überraschend. China zensiert das Netz seit langem und arbeitet an der totalen Überwachung seiner Bürger. Die Blockade einer Website, schreibt Farhad Manjoo in der „New York Times“, sei dafür nur ein kleiner Schritt, weil Verbraucher trotz der „Great Firewall“ der Zensur Mittel und Wege finden, an Informationen zu kommen. Viel effektiver sei es, eine App aus dem Handel zu nehmen. Das sei so, als schließe man die Druckerpresse, bevor das Buch in Druck geht. „Wenn die App im App-Store eines Landes nicht verfügbar ist, existiert sie faktisch nicht“, so Manjoo. „Die Zensur ist total und unausweichlich.“

          „Die Blogosphäre ist praktisch tot“

          Die Zensur von Apps verweist auf einen Webfehler des World Wide Web: die Zentralisierung von Informationen. Facebook, Twitter oder Google sind zentrale Anlaufstellen für die Vermittlung von Informationen. Der Blogger Hossein Derakhshan, der sechs Jahre in einem Teheraner Gefängnis saß, konstatierte nach seiner Haftentlassung, die Blogosphäre sei praktisch tot. Facebook, Twitter oder Instagram hätten zu einer Informationszentralisierung und damit leichteren Kontrollierbarkeit geführt. Die Internetpioniere hatten noch ein Netz schaffen wollen, das gegen staatliche Übergriffe immun ist. 1996 veröffentlichte der Cyberaktivist John Perry Barlow die „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“. Darin heißt es: „Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr. (...) Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelnen an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen.“

          Das idealistische Manifest liest sich heute wie ein Märchen. Was die Internetpioniere vergaßen, war die Vermachtung der Kommunikationsströme. Das Internet ist nicht „überall und nirgends“, es hat eine feste Adresse im Silicon Valley und in Seattle. Dort sitzen Google, Apple, Facebook und Amazon. Sie beherrschen die Informationsarchitektur im Netz, über ihre Server wird der meiste Traffic gelenkt. Die Konzerne haben sich zu Knoten- und Kontrollpunkten entwickelt. Damit werden sie zu Garanten der Informationsfreiheit, die jedoch suspendiert wird, sobald Freiheitsrechte mit Geschäftsinteressen kollidieren.

          Apple ist mit China wirtschaftlich eng verwoben. In Zhengzhou („iPhone City“) produziert der Auftragsfertiger Foxconn das Gros der iPhones und iPads. China ist ein wichtiger Absatzmarkt für Apple-Produkte. Laut Geschäftsbericht kam 2015 ein Viertel der Einnahmen aus China. Da versteht es sich, dass man den Geschäftspartner nicht vor den Kopf stoßen will und lieber ein Weltblatt zensiert, als Absatzrückgänge zu riskieren. Konkurrent Facebook, der trotz Charmeoffensive des Gründers Mark Zuckerberg in China gesperrt ist, hat in vorauseilendem Gehorsam gleich eine Zensur-Software entwickelt.

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