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Centre Pompidou in Brüssel : Widerstand gegen die „Franchising-Politik“

Die Belgier halten nichts von der gerade neu eröffneten Centre Pompidou-Filiale in Brüssel - daran kann auch Sophie Perez’ and Xavier Boussirons Werk „Boboorg-La -Raine“ nichts ändern. Bild: EPA

Brüssel will keine Filiale des Centre Pompidou. Am Wochenende erst eröffnet, soll das „Musée Kanal“ in einem Jahr schon wieder schließen. Umstritten ist nicht nur der Standort.

          In Frankreich gehören die Humoristen aus Belgien gegenwärtig zu den erfolgreichsten, sie sind frecher als die einheimischen. Das hat so nebenbei bewirkt, dass die französische Mode der herablassenden Belgierwitze verstummt ist und die Belgier in Paris ernst genommen werden. Belgien hat zwar noch immer einen König, aber seine Kulturszene ist sehr viel weniger monarchistisch als die französische. Dass sie über erstaunlich viele Kunstsammler verfügt, ist allerdings nicht nur ihrer Vitalität zu verdanken, sondern auch dem Steuersystem. Mit dem „Musée Kanal“, einer Filiale des Centre Pompidou, das bereits in Málaga eine Zweigstelle betreibt und nach Brüssel in Schanghai Fuß fassen will, tut sie sich schwer. „Kanal“ wurde am Samstag eröffnet, mehr als 20.000 Besucher vermeldet die Zeitung „Le Soir“. In einem Jahr wird das Kulturzentrum wieder geschlossen und soll dann, von 2022 an, aufwendig renoviert und ausgebaut Brüssel als internationale Kulturmetropole erscheinen lassen.

          Belgische Politiker glänzten durch Abwesenheit

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Georges Pompidou, der in Paris das postum nach ihm umbenannte Centre Beaubourg und die Autobahn entlang der Seine bauen ließ, hätte sich gefreut: Die belgische Zweigstelle entsteht in einer Autofabrik seiner Lieblingsmarke, André Citroën persönlich soll vor einem Jahrhundert die Pläne der Brüsseler „Garage“ entworfen haben. Das Monument der industriellen Architektur schien dem Abbruch geweiht. Zur Neueröffnung reiste die französische Kulturministerin Françoise Nyssen an, die als Belgierin geboren wurde und als Verlegerin von „Actes Sud“ ebenfalls als Beispiel für die erfolgreiche belgische Emanzipation in Paris zitiert werden kann.

          Die belgische Zweigstelle des Centre Pompidou ist eine ehemalige Autofabrik.

          Nyssen schwärmte von einem „europäischen Abenteuer“. Serge Lasvignes, Präsident des Pariser Centre Pompidou, will zwar durchaus auf seine immensen Reserven zurückgreifen, versprach aber, dass er „mit allen Akteuren der Brüsseler Szene zusammenarbeiten“ werde. Bernard Blistène, Direktor des „Musée National d’Art Moderne“ in Paris, war genauso penetrant bemüht, jeglichen Anhauch von kulturellem Kolonialismus zu zerstreuen. Blistène sprach von einer „Ko-Realisierung“ und beschwor die Zusammenarbeit – unter der Regie der Franzosen. Er ist für die erste Ausstellung verantwortlich: „Tôles“ (Bleche) ist ihr Thema, zugeschnitten auf die Automobilfabrik. Gezeigt werden Metallskulpturen von Bernard Pagès, César und Robert Rauschenberg. Auf die Sekunde genau wurde zur provisorischen Eröffnung eine Konstruktion von Jean Tinguely in Bewegung gesetzt.

          Der Innenraum des „Musée Kanal“ bei der Eröffnung am 4. Mai.

          Die belgische Politik und Kulturpolitik glänzte durch Abwesenheit. Nur die Minister der Region Brüssel waren, wie das Pariser Blatt „Le Monde“ berichtet, gekommen. Der Leiter der Königlichen Museen hatte die Dependance als „völlig daneben“ bezeichnet. Umstritten ist der Standort. Wegen der Nähe zu Molenbeek, dem berüchtigten Stadtviertel mit hohem Islamisten-Anteil, wird „Kanal Pompidou“ sogar zum Symbol einer fehlgeleiteten Kulturpolitik hochstilisiert. Dirk Snauwaert, Direktor des Musée Wiels, begründet seine Ablehnung mit den fehlenden Bildungsprogrammen und der Jugendarbeitslosigkeit. Die „Franchising-Politik“ ist ihm ein Greuel. Vor allem stört er sich daran, dass Brüssel nicht seine eigene Kultur finanziert, sondern zum „größten Sponsor des Centre Pompidou“ werde – zwei Millionen Euro Tantiemen sollen jährlich nach Paris fließen.

          „Bruxelles ist the new cool“

          Das alles sind durchaus ehrenhafte Argumente. Aber zu unterstellen, dass nur Ramsch in den Außenstellen gezeigt werde, grenzt an Verleumdung. Natürlich ist Brüssel im Vergleich zu Abu Dhabi und der nordfranzösischen Stadt Lens, in denen der Louvre Zweigstellen eröffnet hat, keine kulturelle Wüste. Aber manchmal hat man doch den Eindruck, dass Brüssel etwas Unterstützung durchaus guttun könnte. Der Bau eines Fußballstadions ist zum Fiasko geworden – die vier in Belgien geplanten Spiele der Euromeisterschaft von 2020 müssen nach London verlegt werden, die „Roten Teufel“ der Nationalmannschaft auswärts spielen.

          Die Zeitung „Le Soir“ ist von der Zweckmäßigkeit des Kulturzentrums überzeugt. Die Opposition gegen „Kanal Pompidou“ aber scheut sich nicht, auf den Widerstand gegen die „Hochkultur, speziell die Pariser Prestigekultur“ (Dirk Snauwaert in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“), zu setzen. Der kulturelle Imperialismus der Franzosen ist nicht tot, aber sicher nicht für die belgischen Zustände verantwortlich. Das versnobte Pariser Kultmagazin „Les Inrockuptibles“ stimmte Ende April – auf Englisch – ein Hohelied an: „Bruxelles ist the new cool“. Paris bleibt die Hauptstadt der kulturellen Moden. Brüssel aber hat gezeigt, wie provinziell es sein kann.

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