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Westsahara : Weiß Mohamed um die Opfer?

Das Zeltlager „Gdaim Izik” in der Westsahara wird von marokkanischen Sicherheitskräften dem Erdboden gleich gemacht. Bild: dpa

In Spanien herrscht breite Solidarität mit den Autonomiebestrebungen der Westsahara, die von Marokko brutal erstickt werden. Doch die spanische Regierung schweigt. Was wirklich geschieht, gelangt auf Umwegen in die Medien.

          4 Min.

          Es ist rührend, das Foto des kleinen Mohamed am Strand von Asturien zu sehen. In Spaniens Norden hat er im Juli und August bei einer spanischen Gastfamilie Ferien gemacht. Mohamed in Badehose! Wir lernten den Achtjährigen und seine älteren Geschwister im vergangenen April in der algerischen Wüste kennen, in einem Flüchtlingslager für fünf- bis zehntausend Bewohner der Westsahara, die vor fünfunddreißig Jahren von der marokkanischen Armee vertrieben wurden und seitdem inmitten des heißesten Nichts ihr Leben fristen, ohne Arbeit, ohne Hoffnung, notdürftig versorgt durch Lebensmittellieferungen der Vereinten Nationen. Kinder stecken so eine deprimierende Situation erstaunlich leicht weg; die Jugendlichen des Lagers Dakhla leben in erschütternder Armut, doch sie wirken neugierig und unternehmungslustig. Mohamed hatte die besondere Gabe, inmitten des dichtesten Gewühls aufzutauchen und gleich wieder zu verschwinden, nur um ein paar Minuten später abermals neben einem aus dem sandigen Boden zu wachsen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Weiß das Kind, was in den letzten Tagen in dem spontan errichteten Lager bei Al Aaiun geschehen ist, auf dem sogenannten besetzten Territorium, der alten Heimat der Saharauis? Am Morgen des 8. November machte die marokkanische Armee das Camp friedlich Protestierender dem Erdboden gleich und brannte alle Zelte nieder. Mit Schlagstöcken und Tränengas wurden die rund zwanzigtausend Menschen vertrieben. Inzwischen hat der schärfste Protest gegen die marokkanische Unterdrückungs- und Zermürbungspolitik seit dem Tod Francos auf beiden Seiten mehr als zwanzig Tote gefordert, und das Wort von einer möglichen Intifada der saharauischen Jugend macht die Runde. Auch Mohamed ist einer von denen, die in eine völlig verdüsterte Zukunft hineinwachsen, sein älterer Bruder könnte schon bald Steine werfen wollen, und mit den verbrieften Rechten einer durch Gesetze und Mama Vereinte Nationen geordneten Welt sollte man ihm lieber nicht kommen: Mohamed ist kein Dummkopf. Die Westsahara ist der lebendige Beweis dafür, dass die Beschlüsse der Vereinten Nationen keinen Pfifferling wert sind, wenn es den beteiligten Ländern nicht in den Kram passt.

          Völkerrechtlich gesehen, ist Spanien immer noch Verwalterin seiner ehemaligen Kolonie Westsahara, die es nach dem Ende der Diktatur in die Unabhängigkeit entlassen wollte, vor den Gebietsansprüchen Marokkos aber nicht schützen konnte. Zwar liegen der „Grüne Marsch“ und der folgende Krieg zwischen Marokko und der Polisario-Front schon lange zurück, doch seit dem Waffenstillstand von 1991 und einem UN-Beschluss zu einem Referendum unter der saharauischen Bevölkerung ist nichts Wesentliches mehr geschehen. Marokko hält den größeren Westteil des Westsahara-Gebiets besetzt, unterstützt von Frankreich und unbehelligt von Spanien. In Ruhe beutet es Phosphatvorkommen und Fischgründe aus, behindert jede Autonomiebestrebung und knüppelt die freie Meinungsäußerung nieder, während der kleinere Streifen im Osten von der Polisario-Front kontrolliert wird. Zwischen den beiden Zonen verläuft eine 2700 Kilometer lange Mauer, in deren Ausstattung und Bewachung Marokko ein paar Prozent seines Bruttoinlandsprodukts verpulvert. Der Rest der Sarahaui-Bevölkerung hockt weit entfernt in den algerischen Lagern.

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