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Widersprüchliche Philosophen : Hat das nackte Leben kein Recht auf Schutz?

Die Schutzmasken haben noch lange nicht ausgedient. In Hessen gilt die Maskenpflicht noch bis mindestens Ende Juni. Bild: dpa

Manche Politiker, Juristen und Philosophen halten es in der Corona-Krise für human, Leben und Freiheit gegeneinander auszuspielen. Welch ein Irrtum.

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          Wenn der italienische Philosoph Giorgio Agamben von „nacktem Leben“ spricht, gebraucht er einen Begriff, den er selber hochgradig aufgeladen hat. In seinem Hauptwerk „Homo sacer“ bestimmte er so den Zustand, auf den der Staat Menschen reduzieren kann, wenn er ihnen alle ihre bürgerlichen Rechte nimmt. Dieses aus dem Bereich der Politik ausgeschlossene „Leben“ ist dann freigegeben für Misshandlungen aller Art bis hin zur Tötung, die sich die politische Ordnung sonst verbietet. Ein Ausnahmezustand wird so installiert, den Agamben von der altrömischen Rechtsfigur der „Homines sacri“ her entwickelte, die ohne Strafe getötet, aber auch nicht den Göttern zum Opfer gebracht werden dürfen, und bis hin zum Holocaust verfolgte.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Im Lauf des letzten Jahres hat Agamben eine neue, weit über das philosophische Milieu hinausreichende Prominenz bekommen, indem er diese Kategorie auf die Corona-Politik anwendete. Seine Interventionen hat er nun auf Deutsch unter dem Titel „An welchem Punkt stehen wir?“ im Verlag Turia + Kant veröffentlicht. Die kurz gefasste Antwort: „Wir erleben das Ende der bürgerlichen Demokratie“, weil die Corona-Politik auch der westlichen Staaten die Menschen auf das nackte Leben, „ihre rein vegetative Substanz“ reduziere und dabei den Verlust all dessen in Kauf nehme, was sie zu geistigen, kulturellen, im Vollsinn menschlichen und mithin zu politischen Wesen macht. „Was ist das für eine Gesellschaft, die an nichts anderes mehr glaubt, als an das eigene Überleben?“ Es handele sich um eine jener „gleichsam objektiven Verschwörungen“, von denen Foucault gezeigt habe, dass sie auch ohne „identifizierbares Subjekt im Hintergrund“ auskommen.

          Schützt das Grundgesetz wirklich nur die Würde des Menschen?

          Auf einer pragmatischen Ebene sind solche Vorwürfe schon oft zurückgewiesen worden. Staaten, die außerordentliche Maßnahmen zur Eindämmung einer Epidemie treffen, unterwerfen ihre Bürger keinem kollektiven Gesundheitsdiktat, sondern schützen sie vor einer Gefahr, der die Einzelnen von sich aus nicht begegnen können. Entzögen sie sich dieser Aufgabe, stünde wegen der Überlastung der Krankenhäuser nicht nur die medizinische Hilfe auch bei vielen anderen Krankheiten auf dem Spiel, sondern ebenso die Wirtschaft und die Kultur, ganz zu schweigen von all jenen Regungen, die Agamben als genuin menschlich kennzeichnet, an erster Stelle das Mitgefühl.

          Doch dahinter stellt sich noch eine prinzipiellere Frage, die mit der realpolitischen Kritik nicht abgegolten ist. Auch jenseits von Agamben wird das Leben häufig nur dann für eine Kategorie gehalten, die mit der Politik und der intellektuellen Auseinandersetzung in einem verbindlichen Verhältnis steht, wenn es nicht mehr „nackt“, sondern in irgendeiner bestimmten Weise gefüllt ist. „Welchen Sinn hat das Weiterleben, wenn wir das, was unserem Weiterleben Sinn gibt, nicht mehr tun können?“, hieß es kürzlich in der Zeitung „Die Welt“. Damit waren die Theaterbesuche und menschlichen Begegnungen gemeint, die durch den Lockdown unterbunden werden.

          Wenn Freiheit sich selbst aufhebt

          Solche rhetorischen Fragen lassen sich leicht beantworten: Die Eindämmung der Pandemie soll es ja gerade möglich machen, danach wieder ins Theater zu gehen. Radikaler wäre die darin steckende Frage, ob das Leben auch dann einen vom Staat zu schützenden Sinn hat, wenn nichts weiter ihm „Sinn gibt“. Diese Ebene ist offenbar berührt, wenn Politiker, Juristen und Philosophen die Auffassung vertreten, das Grundgesetz schütze unbedingt nur die „Würde“ des Menschen, nicht aber das Leben. So sagte der Bonner Philosoph Markus Gabriel in einem Interview jetzt, so wie vor ihm schon sinngemäß Wolfgang Schäuble und viele andere: „Die Rettung von Leben ist nicht im Allgemeinen die Aufgabe des Staats. Sonst müssten wir Autos und Alkohol verbieten. Der Staat schützt und stärkt das Gesundheitssystem, er stellt die Infrastruktur zur Verfügung, um auf diese Weise möglichst große Spielräume der Freiheit zu ermöglichen.“

          Die Analogie mit dem Alkohol trifft die Sache natürlich nicht; die Frage des Lebensschutzes durch den Staat stellt sich ja erst dort, wo die Einzelnen nicht selbst für ihren Schutz sorgen können, der Staat aber wohl. Doch der Gedanke, dass in den Zuständigkeitsbereich des Staates vor allem der Freiheitsschutz und weniger der Lebensschutz falle, trifft auch in anderen Debatten auf Resonanz, etwa in der Frage des assistierten Suizids. Der Autor und Rechtsanwalt Ferdinand von Schirach deutete ihn in einem Interview zu seinem Theaterstück „Gott“ als Ausdruck einer vom Staat zu respektierenden Freiheit des Einzelnen. Zugleich wies er die theologischen Argumente für einen unbedingten Lebensschutz, die in „Gott“ von einem Bischof vertreten werden („Das Leben ist Gottes Geschenk an Sie“), als Bekundung einer partikularen Weltsicht zurück, die keinen Anspruch auf allgemeine Geltung erheben dürfe: „Geschenke darf man zurückgeben.“

          Wie auch häufig in der Corona-Debatte werden da also Leben und Freiheit gegeneinander ausgespielt. Wobei dem Freiheitsschutz der Rang eines allgemeingültigen Prinzips, dem Schutz des Lebens dagegen der einer von Virologen oder der Kirche vertretenen partikularen Weltsicht zuerkannt wird. Die Selbstwidersprüche einer im ­Extremfall auf diese Weise sich selbst aufhebenden Freiheit hatte das Bundesverfassungsgericht noch 2005 in seinem Urteil zum Luftsicherheitsgesetz mit dieser Formulierung abgewehrt: „Das menschliche Leben ist die vitale Basis der Menschenwürde als tragendem Konstitutionsprinzip und oberstem Verfassungswert.“ Doch mittlerweile scheint das Pendel nach der Seite hin auszuschlagen, dass nur das aufgrund individueller Entscheidungen gefüllte Leben Anspruch auf Schutz erheben darf – und sei es um den Preis der Selbstaufhebung –, nicht das nackte.

          „Der Zweck der Beamten ist die Pflege des Lebens“

          Doch ist die Ausrichtung am nackten Leben tatsächlich christliches Sondergut? Zur Widerlegung einer solchen Ansicht genügt schon ein Gegenbeispiel, und das findet sich in einer Tradition ganz ohne Gottesbezug: Für die antike taoistische Philosophie in China bekam das Leben nicht erst durch eine bestimmte Füllung seinen Sinn, sondern wurde selbst als der Sinn verstanden, an dem sich mögliche Füllungen erst messen lassen mussten. „Die Außendinge sind dazu da, dass man sie benützt, um durch sie das Leben zu gewinnen, nicht dass man das Leben benützt, um sie zu gewinnen“, heißt es im „Frühling und Herbst des Lü Bu We“, einem enzyklopädischen Werk aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert. Alles Nachdenken hatte seinen Ausgangs- und Fluchtpunkt da in den Bedingungen des menschlichen Lebens insgesamt, aus dem auch alle politische Legitimität abgeleitet wurde: „Der Zweck der Einsetzung der Beamten ist die Pflege und Vollendung des Lebens.“

          Das verquere Verhältnis dieser Tradition zur oft grausamen politischen Realität ihrer Zeit – Lü Bu We selbst wurde von dem blutrünstigen späteren Ersten Kaiser in den Tod getrieben – braucht hier nicht zu interessieren. Entscheidend ist, dass sie auf zwei Merkmale des nackten Lebens verweist, die diesem eine herausragende Stellung für das öffentliche Nachdenken geben: sein Zusammenhang mit der Natur als Ganzes, von der sich die Politik nicht isolieren dürfe, und seine Potentialität, eine für alle möglichen Füllungen und Veränderungen offene Unbestimmtheit. Seine „Nacktheit“ wird dem Leben hier also nicht als Defizit ausgelegt, sondern gerade als Grund seiner Bedeutung.

          In Zeiten einer Pandemie Masken zu tragen, würde einer solchen Weltsicht daher wohl als Anpassung des Lebens an den Lauf der Natur erscheinen, als Bestätigung und nicht Einschränkung seiner Würde. Der Kont­rast zu Agamben könnte nicht größer sein, wenn er schreibt: „Ein Land, das freiwillig auf sein eigenes Gesicht verzichtet, indem es die Gesichter seiner Bürgerinnen und Bürger allerorts mit Masken verhüllt, ist ein Land, das seine politische Dimension ausgelöscht hat.“ Das Unangemessene seiner Art Abstraktion benennt er selbst, wenn er beklagt, dass „wir die Einheit unserer Lebenserfahrung, die immer zugleich körperlich und geistig ist, in eine bloß biologische Einheit (das nackte Leben) einerseits und in ein affektives und kulturelles Leben anderseits aufgespalten haben“.

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