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Widersprüchliche Philosophen : Hat das nackte Leben kein Recht auf Schutz?

Die Analogie mit dem Alkohol trifft die Sache natürlich nicht; die Frage des Lebensschutzes durch den Staat stellt sich ja erst dort, wo die Einzelnen nicht selbst für ihren Schutz sorgen können, der Staat aber wohl. Doch der Gedanke, dass in den Zuständigkeitsbereich des Staates vor allem der Freiheitsschutz und weniger der Lebensschutz falle, trifft auch in anderen Debatten auf Resonanz, etwa in der Frage des assistierten Suizids. Der Autor und Rechtsanwalt Ferdinand von Schirach deutete ihn in einem Interview zu seinem Theaterstück „Gott“ als Ausdruck einer vom Staat zu respektierenden Freiheit des Einzelnen. Zugleich wies er die theologischen Argumente für einen unbedingten Lebensschutz, die in „Gott“ von einem Bischof vertreten werden („Das Leben ist Gottes Geschenk an Sie“), als Bekundung einer partikularen Weltsicht zurück, die keinen Anspruch auf allgemeine Geltung erheben dürfe: „Geschenke darf man zurückgeben.“

Wie auch häufig in der Corona-Debatte werden da also Leben und Freiheit gegeneinander ausgespielt. Wobei dem Freiheitsschutz der Rang eines allgemeingültigen Prinzips, dem Schutz des Lebens dagegen der einer von Virologen oder der Kirche vertretenen partikularen Weltsicht zuerkannt wird. Die Selbstwidersprüche einer im ­Extremfall auf diese Weise sich selbst aufhebenden Freiheit hatte das Bundesverfassungsgericht noch 2005 in seinem Urteil zum Luftsicherheitsgesetz mit dieser Formulierung abgewehrt: „Das menschliche Leben ist die vitale Basis der Menschenwürde als tragendem Konstitutionsprinzip und oberstem Verfassungswert.“ Doch mittlerweile scheint das Pendel nach der Seite hin auszuschlagen, dass nur das aufgrund individueller Entscheidungen gefüllte Leben Anspruch auf Schutz erheben darf – und sei es um den Preis der Selbstaufhebung –, nicht das nackte.

„Der Zweck der Beamten ist die Pflege des Lebens“

Doch ist die Ausrichtung am nackten Leben tatsächlich christliches Sondergut? Zur Widerlegung einer solchen Ansicht genügt schon ein Gegenbeispiel, und das findet sich in einer Tradition ganz ohne Gottesbezug: Für die antike taoistische Philosophie in China bekam das Leben nicht erst durch eine bestimmte Füllung seinen Sinn, sondern wurde selbst als der Sinn verstanden, an dem sich mögliche Füllungen erst messen lassen mussten. „Die Außendinge sind dazu da, dass man sie benützt, um durch sie das Leben zu gewinnen, nicht dass man das Leben benützt, um sie zu gewinnen“, heißt es im „Frühling und Herbst des Lü Bu We“, einem enzyklopädischen Werk aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert. Alles Nachdenken hatte seinen Ausgangs- und Fluchtpunkt da in den Bedingungen des menschlichen Lebens insgesamt, aus dem auch alle politische Legitimität abgeleitet wurde: „Der Zweck der Einsetzung der Beamten ist die Pflege und Vollendung des Lebens.“

Das verquere Verhältnis dieser Tradition zur oft grausamen politischen Realität ihrer Zeit – Lü Bu We selbst wurde von dem blutrünstigen späteren Ersten Kaiser in den Tod getrieben – braucht hier nicht zu interessieren. Entscheidend ist, dass sie auf zwei Merkmale des nackten Lebens verweist, die diesem eine herausragende Stellung für das öffentliche Nachdenken geben: sein Zusammenhang mit der Natur als Ganzes, von der sich die Politik nicht isolieren dürfe, und seine Potentialität, eine für alle möglichen Füllungen und Veränderungen offene Unbestimmtheit. Seine „Nacktheit“ wird dem Leben hier also nicht als Defizit ausgelegt, sondern gerade als Grund seiner Bedeutung.

In Zeiten einer Pandemie Masken zu tragen, würde einer solchen Weltsicht daher wohl als Anpassung des Lebens an den Lauf der Natur erscheinen, als Bestätigung und nicht Einschränkung seiner Würde. Der Kont­rast zu Agamben könnte nicht größer sein, wenn er schreibt: „Ein Land, das freiwillig auf sein eigenes Gesicht verzichtet, indem es die Gesichter seiner Bürgerinnen und Bürger allerorts mit Masken verhüllt, ist ein Land, das seine politische Dimension ausgelöscht hat.“ Das Unangemessene seiner Art Abstraktion benennt er selbst, wenn er beklagt, dass „wir die Einheit unserer Lebenserfahrung, die immer zugleich körperlich und geistig ist, in eine bloß biologische Einheit (das nackte Leben) einerseits und in ein affektives und kulturelles Leben anderseits aufgespalten haben“.

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