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Wertewandel in unsicherer Zeit : Was ist euch jetzt wichtig?

Vielleicht eine gute Zeit für die größeren Fragen des Lebens: Sonnenuntergang an der Rheinuferpromenade in Düsseldorf Bild: Picture Alliance / Winfried Rothermel

Die großen Krisen hinterlassen Spuren und verändern Einstellungen. Wir haben Menschen aus unterschiedlichsten Lebensbereichen gefragt, worauf es ihnen heute ankommt – bei sich selbst und anderen.

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          „Geld“, sagte meine Freundin, sah von ihrem Glas auf und lächelte provokant. „Das gibt allerdings niemand zu.“

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Geld ist kein Wert“, wandte ich ein.

          „Gut“, sagte sie, „aber du weißt, was ich meine.“ Sie lehnte sich auf ihrem Plastikstuhl zurück, bis es knackste. Dann verschränkte sie die Arme.

          „Ein gutes Leben. Ein von Wohlstand erleichtertes Leben. Wer wollte das nicht?“

          Wir saßen uns am frühen Abend im Schatten eines Cafés gegenüber. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen, Wohlstand als einen meiner Werte zu bezeichnen, so selbstverständlich unser Privileg, die Zeit, darüber zu sinnieren, so tief verwurzelt der postmaterialistische Gestus. Ich dachte an Lena, die junge Auszubildende in Halle, die mir gesagt hatte, Besitz bedeute ihr nichts, aber für die Zukunft stelle sie sich schon ein Familienleben mit Häuschen und Kind vor, ohne großes Brimborium.

          Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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          Seit Wochen hatte ich Menschen in ganz Deutschland, junge und ältere, wohlhabende und weniger begüterte, Unternehmer und Kreative, nach ihren persönlichen Werten gefragt. Ich hatte keine Antwort zweimal gehört.

          Was wir uns voneinander wünschen

          Zunächst hatten die meisten gar nicht geantwortet. Sie hatten vielmehr Fragen gestellt. Was genau eigentlich gemeint sei, wollten sie wissen. Denn wie oft dachte man schon noch über seine Werte nach? Werte schienen zunächst einigen wie etwas aus der Zeit Gefallenes, der Begriff roch nach Küche, Kindern, Kirche. Von Träumen, Erwartungen und Visionen ließ sich ausgiebig reden, von Fehlern und Verlusten und der Bereitschaft, daraus zu lernen. Werte waren statisch, sie klangen nach gestern. Und wer wollte von abstrakten Vorgaben sprechen, die man sich selbst setzte, um sie dann mit Tausenden anderen gemein zu haben?

          Werte verraten, was sich ein Mensch von der Gesellschaft und der unmittelbaren Umgebung, in der er lebt, wünscht. Wer von Toleranz und Solidarität spricht, sehnt sich danach, dass seine Mitmenschen aufeinander achtgeben und füreinander einstehen, wer die Moral zu seinem Maßstab erhebt, dem mag im Vergleich zu den eigenen Erwartungen ein Defizit im moralischen Handeln der anderen um sich negativ aufgefallen sein.

          Allzu fremd klingt das auch heute nicht

          Wenn sich die gesellschaftlichen Umstände verändern, wenn irgendwo Krieg geführt wird und die Zukunft plötzlich und unerwartet gefährdet scheint, verschiebt sich bei den meisten automatisch der Blick, die persönlichen Prioritäten werden anders gesetzt.

          Mit einem Dutzend Personen über Werte zu reden ist natürlich alles andere als repräsentativ. Die Werte eines Menschen, der einen großen Teil seines Lebens hinter sich hat, unterscheiden sich grundsätzlich von denen einer Heranwachsenden. Wer sein soziales Umfeld in einer Kleinstadt im Osten hat, stellt andere Erwartungen an das Leben als jemand, der einen Kiosk in einer Großstadt im Westen besitzt. Und doch offenbaren diese Gespräche in einem Moment, in dem sich die Vorstellungen von Haltung, Gut und Böse, Anstand und Verantwortung neu sortieren, etwas über unsere Ausnahmezeit.

          Der Soziologe Stefan Mauritz aus Köln kam, als ich mit ihm über seine persönlichen Werte (Sicherheit, Solidarität) reden wollte, auf den Begriff des Wertewandels zu sprechen. Er erinnerte an den amerikanischen Politikwissenschaftler R. Inglehart, in dessen Analysen der Postmaterialismus den noch vorherrschenden Materialismus ablösen sollte. Er bestätigte Ingleharts These für seine im Durchschnitt 30 Jahre alten städtischen Freunde, die Mitbestimmung und freie Entfaltung zelebrierten. Dann wurde er nachdenklich, sprach von der Veränderung, die er auch in seinem Umfeld spüre, einen Rückzug ins Private, und fragte sich vorsichtig, was Pandemie und Putin wohl mit unserem Verständnis von Selbstverwirklichung, persönlicher Freiheit und Wohlstand machten.

          Natürlich ging es auch um die Frage, was sich verändert hatte, nicht zuletzt durch die aktuellen Krisen. Ich dachte an meinen Soziologieprofessor in Mainz. Stefan Hradil prognostizierte schon 2002 nach den sorglosen Neunzigerjahren einen rückläufigen „Wandel des Wertewandels“. 2002 und 2010 stellten die Shell-Jugendstudien die Frage nach der Werteorientierung. Junge Menschen zwischen 12 und 25 gaben in der ersten Studie an, dass ihnen gute Freunde, ein Partner, dem man vertrauen könne, und ein gutes Familienleben wichtig seien. Bis 2010 waren diese Werte jeweils noch wichtiger geworden. Aber auch die Erwartung von Unabhängigkeit und einem Leben, das man genießen konnte, hatte zugenommen. Der Wunsch nach Stabilität und persönlicher Leistung verband sich mit der Erwartung eines „guten Lebens“, wie es meine Freundin genannt hatte. Allzu fremd klingt das auch heute nicht.

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