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Werner Hohenberger im F.A.Z.-Interview : Seriöse Naturheilverfahren werden salonfähig

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Die alten Feindbilder verschwinden aus der Schulmedizin: Yoga-Kurs Bild: Foto Verena Müller

Können Heilkräuter und Yoga die Krebstherapie bereichern, wie es die beiden Essener Ärzte Gustav Dobos und Sherko Kümmel in ihrem neuen Buch gefordert haben? Durchaus, meint Werner Hohenberger, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft.

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          Vergangene Woche ist das Buch „Gemeinsam gegen Krebs“ von Dobos und Kümmel erschienen (siehe Auf geht's: Naturheilkunde in der Krebsmedizin), in dem ein Umdenken gefordert wird. Ist die Zeit tatsächlich reif, die Naturheilkunde mit der Schulmedizin zu verknüpfen?

          Angefangen hat das mit dem Begriff alternative Medizin. Womit damals assoziiert wurde, dass es zu der eingreifenden Schulmedizin eine schonende Alternative mit dem gleichen Ergebnis gibt - was so nicht stimmt. Natürlich steckt dahinter die verständliche Hoffnung vieler Krebspatienten, ihre Heilungschancen zu verbessern. Das Ganze hat dann eine eigene Dynamik bekommen. Inzwischen gibt es die Bezeichnung Komplementäre Medizin, die wir auch akzeptieren. Die Komplementärmedizin ist zwar bei Wissenschaftlern immer auch mit dem Mantel der Unseriosität, des nicht Fassbaren bedeckt worden. Es ist aber nun mal so, dass die Menschen derartiges nehmen, von Selen bis Mistelextrakt. Der nächste Schritt muss jetzt sein, diese Entwicklung bewusst aufzugreifen.

          Sie sind da erstaunlich offen. Ist das auch die Haltung Ihrer Gesellschaft?

          Wir haben das Thema vor gut vier Jahren in einem Arbeitskreis aufgegriffen. Im vergangenen Jahr ist dieser zu einer onkologischen Arbeitsgemeinschaft aufgewertet worden. Sie heißt präventive und integrative Onkologie. Also genau die Idee der Essener Kollegen. Auch unser Ziel ist es, Komplementär- plus Schulmedizin salonfähig zu machen.

          Werner Hohenberger

          Was spricht dagegen, die Naturheilkunde noch konsequenter zu fördern?

          Bestimmte Substanzen aus der komplementären Medizin sind nicht immer harmlos. Es gibt viele Interaktionen mit den üblichen onkologischen Mitteln, und das kann zu erheblichen Nebenwirkungen führen. Das muss abgesichert werden.

          Sind da nicht vor allem die Tumorzentren gefordert, die nötigen Studien voranzutreiben und Naturheilverfahren zu etablieren?

          Das geht sicher. In Frankfurt geschieht das schon. Eine solche Entwicklung haben ja auch andere inzwischen etablierte Disziplinen tatsächlich durchgemacht. Es braucht immer jemand, der das aufgreift und zumindest einen Stiftungslehrstuhl einrichtet, so dass das systematisch und auch wissenschaftlich erarbeitet wird. So war das mit der Palliativmedizin, die in Köln aufgebaut worden ist. Sie hat sich inzwischen flächendeckend etabliert. Man muss nur darauf achten, dass das nicht zu reißerisch aufgezogen wird. Das war immer ein Problem aus der Ecke der Alternativmedizin. Wir müssen die Scharlatane früh aussortieren.

          Und wie wollen Sie die Quacksalber ausschalten? Es spricht sich doch immer extrem schnell herum, wenn vermeintliche Wunderheilungen publik werden?

          Klar. Das ist ja auch plausibel. Wenn einem klar wird, dass es zu Ende gehen könnte, greift man nach jedem Strohhalm. Da werden mit der Not der Menschen unseriöse Geschäfte gemacht. Deshalb gilt: ernsthaft prüfen und den Patienten seriöse Alternativen bieten.

          Wann beginnt man, solche Alternativen systematisch auf Sicherheit und Wirksamkeit zu prüfen, wie es notwendig ist?

          Das wird sicher dauern.

          Wäre es nicht ein erster Schritt, in Studien mit neuen Therapien neben dem Vergleich zum Plazebo künftig jeweils auch einen Behandlungsarm mit komplementären Verfahren einzuführen?

          Wir hatten schon einmal darüber nachgedacht. Das Projekt ist damals leider an der Finanzierung gescheitert. Grundsätzlich ist das denkbar, wir dürfen dann nur nicht eine effektive Therapie zugunsten einer Komplementärtherapie weglassen.

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