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Industriekultur im Ruhrgebiet : Und wer zahlt die Zeche?

  • -Aktualisiert am

Alles so schön bunt: Laufband zum Ruhr-Museum auf dem Gelände von Zeche Zollverein Bild: dpa

Der Strukturwandel im Ruhrgebiet hat eine Industriekulturindustrie entstehen lassen, bei der die ursprüngliche Bevölkerung kaum eine Rolle spielt. Das selbstbewusste Bekenntnis zum „Alten“ hat nur einen Zweck. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Wenn Bundespräsident Steinmeier am 21. Dezember dieses Jahres in Bottrop vor der Schachtanlage Prosper-Haniel den Steinkohlenbergbau in Deutschland verabschiedet, muss sich die Bundesrepublik fragen, wie sie mit der Schwerindustrie und deren Regionen umgehen will und wie eigentlich die Zukunft aussehen soll. Ein Blick in die entsprechenden Broschüren, Filme und Zeitschriften zeigt ein klares Bild: Die Transformation der bildungsfernen, schmutzig-grauen Vergangenheit solidarischer Schwerstarbeit zur kreativen, hochqualifizierten Arbeitswelt mit ökologischem Gütesiegel wurde mit Bravour gemeistert. Mit viel Tinte und Phantasie wird hier eine Zukunftsgemeinschaft beschworen. Und doch: 17 Prozent der Gelsenkirchener haben bei der Bundestagswahl am 24. September 2017 ihr Kreuz bei der AfD gesetzt, 14 Prozent sind arbeitslos. Ist die Verklärung der Solidargemeinschaft, die einen kompletten Austausch der ökonomischen Strukturen überleben soll, womöglich der „scheinbar gesunde Ursprung des ungesündesten Totalitarismus“, wie Maurice Blanchot das Ideal der vom Menschen gemachten Geschichte charakterisierte?

          Unsere These: Die subventionierte Erinnerung an das Ruhrgebiet als den einstigen wirtschaftlichen Motor Deutschlands erzeugt als kommerzialisierbare Komponente des Strukturwandels Distinktion und damit Exklusion. Hier liegt die allgegenwärtige, aber selten benannte Kehrseite der homogenen und erstarrten Geschichtskultur der Postindustrie, die, und das wollen wir erreichen, für die Zukunft vor allem eins braucht: Streit, Kontroverse, Konflikt. Betrachtet man die offiziellen Zukunftsbilder der Region: Kultur, Natur und Wissen, sieht man, wer in dieser Zukunft auf der Strecke zu bleiben droht.

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