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Kolumne „Import Export“ : Wer ist Kübra Gümüşay?

  • -Aktualisiert am

Die ehemalige „taz“-Kolumnistin, Netz-Aktivistin und Autorin Kübra Gümüşay Bild: Paula Winkler

Kübra Gümüşay gehört zu den Übersetzerinnen des Gedichts von Amanda Gorman. Sie ist eine Aktivistin und politische Autorin, die sich Antirassismus und Feminismus auf die Fahnen schreibt. Aber für was steht sie wirklich?

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          Man will alles richtig machen und macht es doch wieder falsch. Wie zum Beispiel bei der Amanda-Gorman-Übersetzung des Inaugurations-Gedichts, über das wochenlang diskutiert wurde: Dürfen Weiße das Gedicht einer schwarzen Lyrikerin übersetzen? Über das schon alles gesagt worden ist. Fast alles. Hoffmann und Campe beauftragte für die deutsche Übersetzung sicherheitshalber ein ganzes Team: Uda Strätling (Übersetzerin, weiß), Hadija Haruna-Oelker (Journalistin, schwarz) und Kübra Gümüşay (Sachbuchautorin, muslimisch). Sie sollten für die nötige Sensibilität sorgen. „Niemanden verletzen“ ist die Devise. Um Lyrik geht es schon lange nicht mehr.

          Ronya Othmann
          Ronya Othmann : Bild: F.A.S.

          Doch es ist falsch, wenn nur nach Identität gefragt wird, nicht nach Haltung. Am Beispiel Kübra Gümüşay lässt sich das gut zeigen. Die 1988 geborene Hamburgerin wurde als Bloggerin und „taz“-Kolumnistin bekannt und ist mittlerweile Bestsellerautorin des Buches „Sprache und Sein“, eine Mischung aus Poesiealbum und ihren Kolumnen. Es geht um Sprache, Politik und Diskriminierung. Das verschaffte ihr viele prominente Fans und Auszeichnungen. Doch Gümüşay ist nicht unumstritten. Kritiker werfen ihr vor, eine Islamistin zu sein oder zumindest eine Nähe zum Islamismus zu pflegen. Kritisiert man Gümüşay, wird man von ihr oder ihren Fans schnell auf das FAQ ihrer Website verwiesen.

          Da sei alles gesagt. Aber was ist da eigentlich gesagt? „Von Verschwörungstheorien“, die über sie verbreitet würden, „die auf antimuslimischen rassistischen Ressentiments aufbauen“, ist da die Rede. Auf ihren Social-Media-Profilen verfährt sie ähnlich. Kritik wird als Hass und Hetze – die es zweifellos gibt – abgetan, jene, die sie kritisieren, werden blockiert. In ihrem FAQ schreibt Gümüşay, sie habe mehrfach das Gespräch mit ihren Kritikern gesucht. Das stimmt nicht ganz, denn öffentliche Streitgesprächsangebote lehnte sie ab und kontaktierte Kritiker stattdessen privat, ganz so, als ob es sich um einen persönlichen Zwist handle.

          Gümüşay impliziert, dass die Kritik zuallererst von Weißen komme. Auch das stimmt nicht: Die Journalistin Sineb El Masrar und die Wissenschaftlerin und Musikerin Reyhan Şahin haben sie schon 2016 geäußert. Zudem hat sie kurdische, ezîdische und alevitische Kritikerinnen und Kritiker. Es sagt viel über Gümüşays Weltbild aus, wenn sie Personen daraufhin als „Kronzeugen“ bezeichnet, Menschen ohne eigene Haltung, Handlanger der Weißen. In dieselbe Richtung geht der von ihr geprägte Begriff „Haustürke“, der heute gern von Erdoğan-Fans benutzt wird, um Gegner seiner Politik zu diffamieren.

          Sie klagt, ihr werde „Kontaktschuld“ vorgeworfen

          „Bloß weil ich türkeistämmig bin, muss ich nicht die Türkei-Expertin spielen“, hat Gümüşay geschrieben und rechtfertigt damit, dass sie keine Kritik an den Zuständen in der Türkei äußern will. In der Türkei gehört sie zur Mehrheitsgesellschaft. Regelmäßig fliegt sie in die Türkei, in ihren Texten bezieht sie sich immer wieder auf ihre türkischen Wurzeln, nicht aber kritisch auf das, was im Namen des Türkentums und des Islams insbesondere Minderheiten angetan wird. Die türkische Politik macht nicht an den türkischen Grenzen halt: Erdoğan-Kritiker werden auch hier bedroht, bespitzelt. AKP-Propaganda wird in Moscheegemeinden und Vereinen verbreitet. In ihrem Buch zitiert sie so schön Martin Luther King Jr.: „Woran wir uns am Ende erinnern werden, sind nicht die Worte unserer Feinde. Es ist das Schweigen unserer Freunde“.

          Auch klagt Gümüşay in ihrem FAQ darüber, dass „Menschen für Texte und Tweets belangt werden, die sie mal mit Anfang 20 und dann nie wieder schrieben“ und meint damit sich selbst. Beispielsweise twitterte sie 2013, dass man Erdoğan nur konstruktiv kritisieren solle, 2012 postete sie ein Fanbild vom Treffen mit der glühenden Antisemitin Linda Sarsour, 2017 ein Video von ihr und sprach während des Putschs in der Türkei immer noch von Demokratie. Das alles ist so zweifelhaft wie ihre „taz“-Kolumne, in der sie kritisierte, dass IGMG (Islamische Gemeinschaft Millî Görüş) vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ohne ein kritisches Wort über deren Antisemitismus und Hetze gegen Minderheiten zu verlieren. Es ist so zweifelhaft wie ihr unkritisches Interview mit dem Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, Tariq Ramadan, der sich selbst als „Reformsalafist“ bezeichnet. Selbst als Frauen Vergewaltigungsvorwürfe gegen Ramadan erhobenen und Verfahren eröffnet wurden, schwieg sie. Gümüşay bezeichnet sich als Feministin.

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