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Kolumne „Import Export“ : Wer ist Kübra Gümüşay?

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In ihrem FAQ klagt sie, ihr werde „Kontaktschuld“ vorgeworfen. Das wäre der Fall, wäre Gümüşay auf eine Party eingeladen, auf der auch Islamisten sind, und man schließe daraus, sie sei eine von ihnen. Doch sieht die Lage anders aus: Unter anderem war sie 2013 und 2016 Speakerin auf einer Veranstaltung der legalistischen islamistischen IGMG. Ebenso auf einer Konferenz im Islamischen Zentrum Hamburg, wo ein Bild des Massenmörders Chomenei an der Wand hängt und das als Zentrale des iranischen Regimes in Europa gilt. Wer an solch einem Ort spricht, ohne sich dabei kritisch zu positionieren, macht sich mit diesem verbrecherischen Regime, das Menschen an Baukränen erhängt, foltert, einsperrt und alljährlich droht, Israel zu vernichten, gemein. Außerdem wäre das muslimbruderschaftsideologisch und reformsalafistisch geprägte Netzwerk „Vereint im Islam“ zu nennen, wo Gümüşay 2016 und 2017 als Referentin gelistet war und für das sie Vorträge hielt.

Gümüşay ist Gründungsmitglied des Zahnrädernetzwerks, das eine Plattform für aktive und talentierte Muslime bieten soll. Vernetzt wurde sich da auch zu Gümüşays Vorstandszeiten mit der muslimbruderschaftsnahen Hilfsorganisation Islamic Relief, die bis heute Zahnräder unterstützt, oder der Muslimischen Jugend Deutschland, ebenso muslimbruderschaftsnah. Von Kontaktschuld kann also keine Rede sein, Gümüşay war nicht zufällig mit den falschen Leuten auf der falschen Party, sie war Mitgestalterin, Akteurin.

Wir sollten sie beim Wort nehmen

In ihrem 2020 erschienenen Buch „Sprache und Sein“ stellt sie sich vor, wie es wäre, wenn man in der Schule neben Goethe und Schiller auch Necip Fazil Kisakürek lesen würde. Kisakürek hat poetische Vernichtungsphantasien über Aleviten und Ezîden verfasst. Gümüşay sagte, sie hätte davon nichts gewusst. Dabei hätte ein Blick auf Wikipedia schon gereicht. Kisakürek ist der Lieblingsdichter Erdoğans und gehört zum Standardrepertoire der Millî Görüş. Für ihr Aufwachsen in Millî-Görüş-nahen Kreisen kann Gümüşay nichts. Aber dafür, in welchen Netzwerken sie agiert. Wäre Gümüşay eine gefeierte Kochbuchautorin, wäre all das ein geringeres Problem. Sie ist aber eine politische Autorin, die sich Antirassismus und Feminismus auf die Fahnen schreibt. Menschen können sich ändern, schreibt sie. Natürlich können sie das. Aber eine Distanzierung von Erdoğan, der AKP und der islamistischen IGMG hält sie bis heute nicht für sinnvoll. Man müsse miteinander reden, einander zuhören und nach gemeinsamen Lösungen suchen, sagt sie in der „Zeit“. Mit Faschisten zu reden war noch nie eine gute Idee.

Wer berechtigte Kritik als Verschwörungstheorie, Hass und Hetze abtut, der verschiebt die Dinge und fährt übrigens auf derselben Diskursschiene wie viele legalistische islamistische Akteure. Die Sprache des antirassistischen Diskurses, die auch Gümüşay oft verwendet, tut der kritischen Debatte nicht unbedingt einen Gefallen, so treffend sie in anderen Fällen auch ist. Dass ein Mensch beides vereinen kann – in Deutschland Rassismus erfahren und antialevitischen sowie antikurdischen Rassismus reproduzieren –, blendet diese Sprache aus. Von Verstrickungen mit Organisationen, Parteien oder Regimen, wie der AKP oder Muslimbruderschaft ganz zu schweigen. Alles wird pädagogisiert. Etwas organisierte Liebe hier, etwas Weltverbesserung da. „Sobald man die Möglichkeit hat, in ein Mikrofon zu sprechen, hat man Verantwortung“, hat Gümüşay einmal gesagt. Wir sollten sie beim Wort nehmen.

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