https://www.faz.net/-gqz-8kzhc

Facebooks Nachrichten : Sie spielen mit Informationen russisches Roulette

  • -Aktualisiert am

Was transportiert Facebook? Und ist der Konzern für verfälschte Inhalte verantwortlich? Bild: AP

Wer haftet eigentlich, wenn der Algorithmus von Facebook in den „Trending Topics“ Falschmeldungen oder Verleumdungen verbreitet? Das amerikanische Gesetz hat da offenbar eine Lücke.

          Vor einer Woche hat Facebook seine Redaktion für die „Trending Topics“ aufgelöst und durch einen Algorithmus ersetzt, der nun für die Nutzer die angeblich wichtigsten und trendigsten Nachrichten auswählt. Die ersten Ergebnisse der automatisierten Auslese waren eine Katastrophe (F.A.Z. vom 31. August). So speiste das Modul eine Falschmeldung über die angebliche Entlassung der Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly ein, die acht Stunden online stand, bevor sie gelöscht wurde.

          Facebook entschuldigte sich für den Vorfall, der vielen als Beweis dafür dient, dass die Algorithmen erratisch sind. Doch jenseits dieser technischen Unzulänglichkeiten stellt sich die Frage, wer die Verantwortung für den Fehler trägt. „Hat Facebook Megyn Kelly diffamiert?“ fragt die Zeitschrift „The Atlantic“. Für Megyn Kelly war der Artikel, der sie als „Verräterin“ verunglimpfte, zweifelsohne ehrverletzend. Doch wer ist in diesem Fall presserechtlich haftbar?

          Wie im Kasino

          Jonathan Zittrain, der in Harvard Rechts- und Computerwissenschaften lehrt, vergleicht Facebooks Entscheidung, Redakteure durch Algorithmen zu ersetzen, mit einem Roulettespiel. „Selbst das Kasino muss nicht wissen, welche Nummer gewinnt, wenn sich das Rad dreht“, sagte er auf Anfrage von „The Atlantic“. Zumindest sei es keine „absichtliche Manipulation“. Das Kasino Facebook, in dem Nutzer wie an Slot-Maschinen ihre Zeit verdaddeln, macht damit reichlich Kasse. Auch Google berief sich seinerzeit bei der Autocomplete-Funktion, die Bettina Wulff mit Begriffen aus dem Rotlichtmilieu in Verbindung brachte, darauf, keinen Einfluss auf die Wortsuche zu nehmen – kam damit vor deutschen Gerichten aber nicht durch. Facebooks News-Roulette dreht sich weiter. Zu Unrecht, meint Jonathan Zittrain. Der Konzern könne sich nicht darauf zurückziehen, die Auswahl von Nachrichten erfolge ohne Intention. Genauso wenig könne sich eine Zeitung mit der Ausrede exkulpieren, indem sie sage, sie ziehe Leserbriefe wie Lose aus einem Sack, auf die Gefahr hin, dass diese verleumderisch seien.

          Facebook kann in Amerika freilich auf eine Rechtsvorschrift verweisen: Section 230 des Communications Decency Act von 1996. Sie besagt, dass kein „Provider oder Nutzer eines interaktiven Computers“ für Informationen haftet, die von einem anderen stammt. Da Facebook selbst keine Inhalte produziert, sondern nur verbreitet, ist der Konzern aus dem Schneider, nach dem Motto: Wir können nichts dafür, dass eine Falschmeldung angezeigt wird, wir spiegeln nur die aktuellen Trends wider. Der Passus sieht sich jedoch wachsender Kritik ausgesetzt. In dem von Angehörigen von Terroropfern angestrengten Prozess, in welchem Twitter der Verbreitung islamistischer Propaganda angeklagt wurde, nahm der Kurznachrichtendienst ebenfalls Section 230 für sich in Anspruch. Das Bezirksgericht in Kalifornien wies die Klage ab.

          Und was ist mit „Roboterjournalisten“?

          Wer Nachrichten produziert, muss für deren Wahrheitsgehalt einstehen, wer sie weltweit verbreitet, nicht, erst recht nicht, wenn das automatisiert erfolgt. Das entbehrt nicht nur der Rechtslogik, sondern gewährt, wie die Rechtsanwältin Elizabeth Brancart im Gespräch mit der Agentur Reuters sagte, gerade den mächtigsten Akteuren der digitalen Szene einen unziemlichen Freiraum: „Es fühlt sich an, als wären wir im Jahr 1890 und würden Eisenbahnen schützen.“

          Die Frage, ob Algorithmen verleumden können, erhält durch den Einsatz sogenannter „Roboterjournalisten“, die etwa bei der Nachrichtenagentur Associated Press automatisiert standardisierte Finanz- und Sportartikel auswerfen, besondere Dringlichkeit. Wer haftet, wenn eine algorithmisch generierte Meldung falsch ist? Die Redaktion? Die Entwickler? Oder der Algorithmus? Wird niemandem die Verantwortung zugewiesen, wird die Informationsgebung der Öffentlichkeit zum russischen Roulette.

          Weitere Themen

          Fans gedenken Michael Jackson Video-Seite öffnen

          Zehn Jahre nach dem Tod : Fans gedenken Michael Jackson

          Zehn Jahre nach seinem Tod ist er für sie immer noch ein Idol - trotz der Missbrauchsvorwürfe. Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Forest-Lawn-Friedhof oder auf dem „Walk of Fame“ um dem „King of Pop“ zu gedenken.

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.
          Der Hedgefonds Elliott hat seinen Einstieg bei Bayer publik gemacht.

          Wegen seiner Mischstruktur : Elliott macht Bayer jetzt richtig Druck

          Der amerikanische Hedge-Fonds lässt Andeutungen fallen, die als Aufforderung zur Aufspaltung interpretiert werden können. Ganz nebenbei bestätigt er: Man ist mit einem 2-Prozent-Paket am Mischkonzern beteiligt.
          Nur schonungslose Aufklärung kann künftige Unfälle verhindert, sagt Peter Klement, General Flugsicherheit der Bundeswehr.

          Peter Klement : Dieser General untersucht den Eurofighter-Absturz

          Mit der Aufklärung des Absturzes eines Tiger-Kampfhubschraubers in Mali machte er sich im Bundestag einen Namen. Auch bei seinem jüngsten Fall verspricht er schonungslose Aufklärung. Ob es gefällt oder nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.