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Zur Zukunft Amerikas : Wenn keiner die Wahl akzeptiert

Das renovierte „Oval Office“ im Weißen Haus“, August 2017 Bild: Picture-Alliance

Die Intellektuellen der Vereinigten Staaten rüsten sich für den Fall, dass der Hass auf den Gegner nach der Wahl größer ist als der Wille zur Demokratie. Drohen Revolten auf der Straße? Könnten einzelne Staaten sich abspalten?

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          Seit Monaten richten sich die Amerikaner darauf ein, dass am 3. November, dem Tag der Wahlen, der Kampf nicht endet, sondern so richtig erst losgeht. Ein Großteil der Anhänger beider Lager würde den gewählten Präsidenten der Gegenseite als illegitim ansehen. Wie eine Untersuchung durch „Bright Line Watch“, eine Initiative amerikanischer Politikwissenschaftler, ergab, würden nur 44 Prozent der Trump-Unterstützer einen Wahlsieger Biden als rechtmäßig betrachten und nur 34 Prozent der Biden-Unterstützer einen Wahlsieger Trump. Das hängt direkt damit zusammen, dass beide Lager voneinander annehmen, dass sie die Wahl manipulieren: Gemäß einer vom „Guardian“ in Auftrag gegebenen Umfrage hegen diese Befürchtung 60 Prozent der Trump-Wähler und 53 Prozent der Biden-Wähler. Folgerichtig rechnen drei Viertel der Biden-Wähler damit, dass ein unterlegener Trump die Niederlage nicht akzeptieren, sondern unter Berufung auf Wahlbetrug trotzdem im Amt zu bleiben versuchen würde. 41 Prozent der Trump-Wähler unterstellen einem besiegten Biden einen solchen Versuch, das Wahlergebnis im Nachhinein umzudrehen. Und beide Lager mobilisieren ihre Anhänger, sich vom Wahltag an bis mindestens zum 20. Januar, dem für die Amtsübergabe vorgesehenen Tag, für alle Eventualitäten bereitzuhalten, um auf die Schikanen der Gegenseite rechtzeitig reagieren zu können.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In der mächtigsten Demokratie der Welt wird die demokratische Wahl also weithin nicht mehr als ein funktionierendes Mittel angesehen, den politischen Konflikt zu regulieren. Obwohl beide Lager das demokratische System für sich in Anspruch nehmen, haben sie offenbar kein Vertrauen mehr in dessen Verfahren. Und ordnen deren Fortbestand daher der Durchsetzung der eigenen Macht unter. Plötzlich scheint die Demokratie selbst zur Disposition zu stehen.

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