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Wenn die Öffentlichkeit baut : Schönheit hat ihren Preis

  • -Aktualisiert am

„Oh ja, wie schön!“ und „Oh nein, wie teuer!“ schließen sich nicht aus: die Elbphilharmonie in Hamburg wird in etwa 798 Millionen Euro kosten Bild: dapd

Von der milliardenschweren Sprungschanze bis zum Louvre in Abu Dhabi: Nicht Prunksucht macht öffentliche Bauten teuer, sondern Profitdenken und Bürokratismus.

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          Am 10. Oktober teilte Russlands Präsident Wladimir Putin der Presse mit, in Sotschi werde sich während der Olympischen Winterspiele jeder Sportler, „egal welcher sexuellen Orientierung“, wohl fühlen. Vergessen sein Gesetz gegen Homosexuelle, vergessen sein Toben, als ihm unlängst ein Bauführer vor laufender Kamera gestand, dass Sotschis Sprungschanze statt 1,2 nun acht Milliarden Euro koste – und kein Wort darüber, dass aus neun Milliarden Euro Gesamtkosten längst 38 Milliarden geworden sind.

          Unsereins nennt das typisch für die semidiktatorische, von Korruption gezeichnete Lage Russlands: Wie Putin diktiert, wer schwul ist und wer nicht, so bestimmt er auch, dass dem Ruhm Russlands in Sotschi kein Bau zu spektakulär und zu teuer sei. Welch ein Unterschied zum demokratischen London, wo Olympia 2012 mit neun Milliarden Euro eine Milliarde unter den geschätzten Gesamtkosten blieb und dreistellige Millionengewinne abwarf.

          Hauptstadt-Flughafen mit dem Charme einer Stadthalle

          Ist die Demokratie der bessere Bauherr? Aus bauästhetischer Sicht fällt ein Ja schwer: Von Londons olympischen Bauten ist keiner im Gedächtnis geblieben. Pekings Olympiastadion dagegen, entworfen vom Schweizer Duo Herzog & de Meuron, ist seit 2008 als „Vogelnest“ weltweit berühmt. Auch Sotschis gläsernes Fischt-Stadion, das die amerikanische Firma Populous und die britischen Designer Buro Happold wie eine Riesenmuschel von Fabergé zwischen Schwarzmeerküste und Kaukasus stellten, hat das Zeug zum globalen Symbol.

          Soll nun 8 statt 1,2 Milliarden Euro Kosten: die olympische Sprungschanze im russischen Sotschi

          Das kann man von Berlins neuem Flughafen nicht sagen – der gläserne Dreiflügelriese strahlt trotz seines berühmten Architekten von Gerkan den Charme einer an Elephantiasis leidenden Stadthalle aus. Anders Hamburgs Milliarden verschlingende Dauerbaustelle Elbphilharmonie: Wie eine kristallene Druse steigt sie, auch ein Werk von Herzog & de Meuron, aus dem Ziegelschaft eines alten Hafenspeichers auf. Doch die Tatsache, dass sie als demokratischer Großbau der Schönheit unter autoritären Bedingungen entstandener Architektur standhält, schützt die Elbphilharmonie nicht vor dem kollektiven Zorn.

          Zwischen Meisterwerk und Symbol für Verschwendung

          Auch beim jüngsten Bauskandal, dem von fünf auf 35 Millionen Euro Baukosten verteuerten bischöflichen Amtssitz in Limburg, haftete die Schönheit für die Verfehlungen des Bauherrn. Autoritäre Amtsführung war der ursprüngliche Vorwurf. Nun werden Verschwendungs- und Prunksucht in einem Atemzug damit genannt. Nur autoritäre, prunksüchtige und verschwenderische Personen oder Institutionen bauen repräsentative Architektur, so lautet derzeit das gängige Urteil.

          Daran erinnert sich die Welt: das Olympiastadion der Sommerspiele im Jahr 2008 in Peking - auch Vogelnest genannt

          Die Folgen bezeugt das kürzlich eingeweihte bischöfliche Ordinariat in Rottenburg: Für 40 Millionen Euro hat dort der Architekt Arno Lederer einen am historischen Umfeld orientierten Neubau mit sanierten Altbauten verbunden. Ästhetisch ein Meisterwerk, gilt das Ensemble nun nach Limburger Muster als Prachtbau klerikalen Dünkels und Verschwendung.

          Hier waren Bürger und Kanzler sich einig

          Wer ansehnlich baut, verschwendet. Dieses Vorurteil ist nicht neu, sondern so alt wie die Bundesrepublik: Als 1947 die zerbombte Frankfurter Paulskirche im Gedenken an das Parlament von 1848 zum Symbol der neuen Demokratie wiederaufgebaut wurde, flossen zunächst Spenden. Sogar die ostdeutschen Länder, die kurz darauf die DDR bildeten, gaben reichlich.

          Doch dann protestierten nicht nur Frankfurter Bürger gegen die angeblich zu teure neue Kupferkuppel und forderten stattdessen den Bau von Wohnungen. Dieselben Bürger aber mokierten sich, als Hans Schwippert 1948 den ersten Bundestag in Bonn als kostengünstigen, im Bauhausstil angelegten Umbau der ehemaligen Pädagogischen Akademie durchführte. Man bespöttelte – allen voran Kanzler Adenauer – den schlichten Kubus als „Zigarrenkiste“. Aber die weite Glaswand des Plenarsaals, später gelobt als Symbol der transparenten Demokratie, galt als unnütze Verschwendung.

          Schönheit hat ihren Preis. Aber nicht Geltungs- und Prunksucht sind hierzulande verantwortlich für die Kostenexplosion fast aller großen öffentlichen Bauvorhaben, sondern ein preistreibendes Gewirr aus Profitdenken und Bürokratismus, Bau- und Marktgesetzen. Es beginnt mit Verordnungen, die öffentliche Bauherren verpflichten, den billigsten Anbieter zu beauftragen – was Preisabsprachen fördert und Anbieter zu Falschangaben drängt, die während der Bauarbeiten „nachkorrigiert“ werden – und endet bei der notorischen Haltung von Baukonzernen, Bund, Länder, Kommunen und Kirchen seien Gänse, die goldene Eier legten.

          Ein Entwurf, der der mehr verspricht als nur extreme Kosten: Jean Nouvels Modell von „The Louvre Abu Dhabi“

          Rund ein Drittel aller Rechtsstreitigkeiten an hiesigen Landgerichten betrifft Bauobjekte, die Prozessdauer schwankt zwischen fünf und zehn Jahren, die wenigen spezialisierten Kanzleien erheben Stundenhonorare zwischen 200 und 500 Euro. Kein Wunder, dass öffentliche Bauherren lieber zähneknirschend zahlen. Unter diesen Bedingungen sind autoritäre Staaten im Vorteil. Doch deren Missstände schmälern weder die Schönheit des Fischt-Stadions in Sotschi noch die des neuen Louvre in Abu Dhabi. Was wiederum für hiesige Verhältnisse bedeutet, dass nicht die Schönheit großer Bauwerke bekämpft werden muss, sondern das fatale Gemisch aus realitätsferner Ordnungswut und entfesselter Gewinnsucht.

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