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Kopftuchkonferenz : Wider den Opferkult

Eine Demonstrantin vor dem Frankfurter Clustergebäude protestiert während des Ablaufs der Konferenz Bild: Wonge Bergmann

Die umstrittene Frankfurter Kopftuchkonferenz markiert einen Wendepunkt: Sie löst Islamkritik vom Rassismus-Vorwurf und öffnet den Raum für eine freie Debatte.

          Es kam diesmal anders. Dem Protest anonymer Aktivisten folgte nicht die Absage. Die Professorin musste nicht wie gefordert ihren Lehrstuhl räumen, und der Rassismus-Vorwurf, der ihr an den Kopf geschleudert worden war, verlief sich im Sande. Die Frankfurter Universitätspräsidentin Birgitta Wolff musste nur kurz überlegen, dann schickte sie Susanne Schröter eine SMS: Die Konferenz über das Kopftuch am Exzellenzcluster Normative Ordnungen wird stattfinden.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer genau hinter der anonymen Attacke steht, ist bis heute ungeklärt. Unstrittig ist, dass sich der vom Verfassungsschutz beobachtete Verein „Realität Islam“, der jüngst Propaganda für das Kinderkopftuch machte, mit dem Protest solidarisierte. Die übliche Kettenreaktion riss jedoch ab, weil sich neben der souverän agierenden Präsidentin auch der Frankfurter Asta von der Verbotsforderung distanzierte und, was bemerkenswert ist, mit klaren Worten forderte, Islamkritik und Rassismus auseinanderzuhalten. Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit, faktisch aber eher die Ausnahme. Susanne Schröter erinnerte an den französischen Philosophen Alain Finkielkraut, der kürzlich wegen angeblichem antimuslimischem Rassismus von einer Pariser Hochschule ausgeladen wurde.

          Religion und Politik

          Die Leitfrage der Konferenz, ob das Kopftuch Symbol der Würde oder der Unterwerfung unter eine patriarchale Ordnung ist, ist für die wachsende Zahl der Staaten, deren Rechtsordnung von der Scharia geprägt ist, wohl zur negativen Seite hin zu beantworten. In Iran oder Saudi-Arabien etwa reichen die gesetzlichen Strafen für das Abweichen von der Kleiderordnung von der Auspeitschung bis zur Hinrichtung. Alice Schwarzer erinnerte an die iranische Anwältin Nasrin Sotoudeh, die kürzlich zu 33 Jahren Haft und 148 öffentlichen Peitschenhieben verurteilt worden ist, weil sie Frauen gegen den Verhüllungszwang verteidigt hatte. Dass Exil-Iraner es als Hohn empfinden, wenn das Kopftuch ohne Erwähnung dieses Kontextes gerade als Modeartikel gefeiert wird, ist verständlich.

          Dagegen steht das Argument, es handele sich auch in diesen Ländern nur um den Missbrauch der Religion für politische Zwecke. Religion und Politik sind jedoch nicht einfach voneinander zu trennen, wenn die obersten Glaubenshüter über die nationale Rechtsordnung wachen. Der Islam ist sowohl eine rechtlich-politische wie eine religiöse Ordnung. Politischer Zwang schließt zwar nicht aus, das Kopftuch auch in Ländern aus religiösen oder ästhetischen Gründen zu tragen, in denen es gesetzlich geboten ist, klar ist aber auch, dass die prinzipielle Entscheidung, es überhaupt zu tragen, dort nicht freisteht.

          Für westliche Gesellschaften ist dieselbe Frage je nach Milieu differenziert und letztlich nur empirisch zu beantworten. Einig war man sich in der Ansicht, dass das Tragen des Kopftuchs zu schützen ist, solange es auf eigenen Wunsch zurückgeht. Wie groß die Räume freier Entscheidung sind, war dagegen strittig. Dass sich derzeit eine signifikante Umwertung des Kopftuchs zum Symbol eines modernen Islams (Stichwort Empowerment) vollzieht, ist im globalen Maßstab betrachtet unrealistisch. Vielmehr ist, wie sich an Brunei und Indonesien exemplarisch zeigt, eine konservative Wende zu beobachten, von der auch Deutschland nicht ausgenommen ist. Flüchtlinge, die vor archaischen Religionsstrafen geflohen sind, zeigen sich befremdet, hierzulande von einem ausgeprägt konservativen Islam empfangen zu werden.

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