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Chinesische Zeichen : Wer deutet Pekings Pläne?

Polizist vor der Großen Halle des Volkes in Peking zu Beginn des Nationalen Volkskongresses Anfang März Bild: dpa

Will Peking jetzt die Führung in der neuen Weltordnung? Eine bislang noch nicht gebrauchte Formel Xi Jinpings fordert die Exegeten zu Höchstleistungen heraus.

          6 Min.

          Die Strudel der chinesischen Politik verschlingen leicht jeden, der es an literaturwissenschaftlicher und linguistischer Kompetenz vermissen lässt. Die Kulturrevolution zum Beispiel wurde durch die kritische Rezension eines Theaterstücks eingeleitet, die ohne ausführliche Hermeneutik der Texte und ihres Kontexts überhaupt nicht zu verstehen ist. Der Held des Dramas „Hai Rui wird aus dem Amt entlassen“ war ein Beamter aus der Ming-Dynastie, der sich nicht gescheut hatte, dem Kaiser die Wahrheit zu sagen. Mao persönlich hatte das Stück 1959 veranlasst, um den Kadern zu signalisieren, sie sollten realistischere Berichte und Statistiken an ihre Vorgesetzten schicken. Sechs Jahre später organisierte er nun jedoch über seine Frau einen Artikel in einer Schanghaier Zeitung, der das Stück als konterrevolutionäre Propaganda gegen die landwirtschaftliche Kollektivierung las. Der angegriffene Verfasser des Stücks war zugleich stellvertretender Bürgermeister Pekings, somit Mitglied des Parteiapparats der Hauptstadt, den Mao aus dem Weg räumen musste, um wieder unbeschränkte Macht über die Geschehnisse in China zu erlangen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es bedurfte dann auch im weiteren Verlauf der Kulturrevolution einer fortgeschrittenen Fähigkeit zur Exegese, damit einem die Ambivalenzen der zwischen den verschiedenen ideologischen „Linien“ changierenden Texte nicht entgingen; ein Mangel an Subtilität konnte leicht dazu führen, dass man im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf verlor. Ganz so lebensbedrohlich sind die Konsequenzen nachlässiger Lektüre heute nicht, doch ihre Reichweite hat sich in der Zwischenzeit vergrößert, geradezu globalisiert. Der jüngste Auslegungsfall betrifft eine Rede, die Staats- und Parteichef Xi Jinping am 17. Februar vor der Nationalen Sicherheitskommission hielt und in der es um nichts Geringeres als Chinas Rolle in der sich gerade herausbildenden Neuen Weltordnung ging.

          Neue Win-Win-Konstellationen für die Welt

          Es dauerte drei Tage, bis ein Kommentar auf einer Website der Zentralen Parteihochschule darauf hinwies, dass es die Begriffsprägung „Zwei Führen“ (), mit der sie die Rede zusammenfasste, vorher noch nie gegeben habe, und dieser Wendung zugleich eine „tiefreichende Bedeutung“ zuschrieb. Schon die Zusammensetzung des Begriffs mit einer Ziffer deutet auf etwas Programmatisches hin. Neuen politischen Ausrichtungen geben die Staatslenker in China gern die Gestalt von Aufzählungen: Von den „Vier Modernisierungen“ (Zhou Enlai / Deng Xiaoping) über die „Drei Vertretungen“ (Jiang Zemin) und die „Acht Ehren und acht Schanden“ (Hu Jintao) bis hin zu den „Vier Umfassenden“ (Xi Jinping). Die „Zwei Führen“ beziehen sich nun auf Xi Jinpings Forderung, dass China sowohl bei der Herausbildung einer gerechteren und vernünftigeren neuen Weltordnung als auch bei der Aufrechterhaltung der internationalen Sicherheit eine „führende“ Rolle übernehmen solle.

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