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Chinesische Zeichen : Wer deutet Pekings Pläne?

Einen weniger abwiegelnden Ton schlägt dagegen der Kommunikationswissenschaftler Jia Wenshan von der Pekinger Renmin-Universität an. In seinem immerhin auf chinesischen Regierungs-Websites veröffentlichten Kommentar interpretiert er die „Zwei Führen“-Formel als nachträgliche Bestätigung seiner schon 2009 aufgestellten „Chiglobalization“-Theorie. China habe eine lange Tradition der kulturellen Integrationsfähigkeit; so wie das Land früher Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus in eine Symbiose gebracht habe, erzeuge es heute Synergien zwischen Konfuzianismus, Marxismus und Kapitalismus. Diese „kreative Mischung des chinesischen Modells“, hervorgebracht in fünftausend Jahren Versuch und Irrtum, sei heute in der Lage, die Welt ins Gleichgewicht zu bringen. Während der Westen von einer Ideologie zur nächsten pendle, von der Globalisierung zum nationalen Populismus, vom Liberalismus zum Konservativismus, und damit immer neue Unsicherheit erzeuge, hebe China Gegensätze wie die von West und Ost fortwährend in sich auf und sorge dadurch für Stabilität. Dass das Gleichgewicht der chinesischen Gesellschaft selbst jedoch durch erhebliche soziale, ethnische und politische Spannungen bedroht ist, verschweigt der Theoretiker. Diese Spannungen werden nicht durch eine souveräne, kulturell fundierte Dialektik an einer explosiven Entladung gehindert, sondern durch immer weiter gesteigerten staatlichen Druck und Kontrolle.

Ein neues Netz von Beziehungen und Loyalitäten

Alle Exegeten stimmen dagegen darin überein, dass sich die Umrisse von Chinas Weltpolitik bisher vor allem in zwei Projekten zeigen: in der seit 2013 lancierten Neuen Seidenstraße, auch „Ein Gürtel und eine Straße“-Projekt genannt, an dem bislang 65 Staaten beteiligt sind, und in der 2015 gegründeten „Asian Infrastructure Investment Bank“ mit bisher 57 Mitgliedsländern. Der unmittelbare Zweck der beiden Institutionen ist die Finanzierung und Realisierung grenzüberschreitender Infrastrukturvorhaben zwischen Asien, Europa und Teilen Afrikas. Doch der geopolitische Effekt geht darüber hinaus: Die Neugründungen treten in eine strategische Konkurrenz zu Weltbank und Internationalem Währungsfonds, in denen Schwellenländer wie China, gemessen an ihrer realen Wirtschaftsleistung, unterrepräsentiert sind. Im Unterschied zu den westlich dominierten Einrichtungen verlangt China seinen Kooperationspartnern keine politischen Vorgaben ab, sei es eine Liberalisierung des Finanzmarkts oder eine Demokratisierung. Wohl aber verhandelt es über eine Zusammenarbeit der Geheimdienste, fallweise auch über militärische Präsenz, um seine eigenen Engagements zu schützen.

So zeichnet sich ein neues Netz von Beziehungen und Loyalitäten ab, das die alte Ordnung auf Dauer auch ohne direkte Konfrontation relativieren, unterminieren kann. Der in Yale forschende Sinologe Graham Webster weist in seinem Blog darauf hin, dass der von Xi Jinping verwendete Ausdruck „yindao“ nicht unbedingt „Führen“ bedeuten muss; er kann auch den Sinn von „Leiten“, „Anleiten“ haben und steht dann eher in der Kontinuität der bisherigen chinesischen Außenpolitik, die nicht auf eine Abschaffung des bisherigen internationalen Systems zielt, sondern auf seine schrittweise Veränderung. Das Subtile, aber auch Beunruhigende an manchen chinesischen Begriffen ist, dass sie sich dem Wandel der Dinge selbst anpassen zu können scheinen.

Mark Siemons: „Die chinesische Verunsicherung. Stichworte zu einem nervösen System“

Der aktuelle Bericht steht nicht in diesem Band unseres früheren Peking-Korrespondenten, aber auch da geht es um die politischen und kulturellen Paradoxien, die China in Bewegung halten. Das Buch erscheint an diesem Montag. Edition Akzente Hanser, 192 Seiten, 22 Euro

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