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Welthandel : Kampf dem Raubkatzenkapitalismus!

  • -Aktualisiert am

Weltwirtschaftliche Verschiebungen setzt die alte politische Phantasie des Protektionismus wieder in Bewegung: Gabor Steingart rät dem Westen, sich in der Abwehr gegen den asiatischen Raubtierkapitalismus zusammenzuschließen.

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          Es gibt derzeit in Deutschland zwei Parteien. Die eine heißt „Nicht mit mir“ und stemmt sich gegen Veränderungen aller Art. Ihre Mitglieder kommen aus den Reihen von Linkspartei, Union, SPD und Grünen. Das wichtigste Erkennungsmerkmal ihrer Mitglieder sind die trotzig über dem Bauch verschränkten Hände. Oskar Lafontaine ist ihr unumstrittener Spitzenmann, ein Neinsager aus Passion.

          Die andere Formation hat sich unter dem Banner „Lauft schneller, Leute“ versammelt. Ihr gehören die FDP und die verbliebenen Truppenteile der anderen Parteien an. Das einzig Bemerkenswerte dieser Allparteien-Partei ist ihre ausdauernde Erfolglosigkeit. Wer sich als Antreiber vors Publikum stellt, wird abgestraft. Als Gerhard Schröder seine Agenda 2010 verlas, begann tags darauf sein politischer Abstieg. Kaum hatte Angela Merkel sich als gestrenge Reformerin empfohlen, setzte das große Frösteln ein. Beide erfuhren einen Machtverlust, wobei die Strafe für Merkel härter ausfiel als für Schröder: Sie muß den Machtverlust im Amte erleiden, derweil der Memoirenschreiber sich auf dem heimischen Sofa räkelt.

          Die wichtigste Ressource unserer Tage

          Formal betrachtet, hat sie die Bundestagswahlen zwar für sich entschieden, doch in Wahrheit ist sie die Chefin einer Minderheitenregierung. Selbst innerhalb ihrer Koalition, die sich zu Unrecht die große nennt, sind die Anhänger der „Nicht mit mir“-Bewegung in der Überzahl. Auch deshalb fristet die Reformerin Merkel ein so kümmerliches Dasein. Ihr Leitmotiv „Mehr Freiheit wagen“ versteht eine Mehrheit im Lande als die Drohung, weniger Sicherheit zu bekommen. Ihre Aufforderung, die Deutschen sollten unerschrocken „ins Offene gehen“, empfinden nicht wenige als besonders perfiden Ratschlag, da sie den geschlossenen Raum als ihr Biotop begreifen. So schieben sich die Hände vor dem Bauch weiter ineinander.

          Der wichtigste Rohstoff des einundzwanzigsten Jahrhunderts, sagen die Politiker, sei die Bildung. Welch ein Irrtum: Die wichtigste, da knappste Ressource unserer Tage ist die Willenskraft. Ausgerechnet in jenem Land, das nach verlorenem Weltkrieg mit einem ökonomischen Wunder überraschte, kam es zu einer Entladung der mentalen Antriebskräfte. Seit Jahren wird auf Halten gespielt, nicht auf Sieg.

          Mit der Treffsicherheit eines Bergbauern

          Nun ist Volksbeschimpfung eine gleichermaßen beliebte wie müßige Beschäftigung. Es gibt in unserem Herrschaftssystem auf Dauer keine andere Macht als jene, die vom Volke ausgeht, und zuweilen wohnt dieser Macht sogar eine kollektive Klugheit inne. Es hat sich schon oft gezeigt, daß das Volk zwar kein großes Wissen besitzt, aber ein feines Gespür, auch für die politischen Notwendigkeiten. Eine Mehrheit erkannte früh, früher zumindest als die Konservativen, daß eine neue Ostpolitik schmerzhaft, aber sinnvoll sei; von unten wurde der Umweltschutz nach ganz oben auf die Tagesordnung der Politik gedrückt; Helmut Kohl blieb sechzehn Jahre lang unbeliebt, aber er blieb sechzehn Jahre lang Kanzler. Die Menschen ahnten, daß er dem Land bekömmlicher war als die Herren Scharping und Lafontaine, die als Alternative empfohlen wurden.

          Dieses vorausgeschickt, sollten wir uns an folgendes Gedankenexperiment wagen: Wir unterstellen, die Mitglieder der „Nicht mit mir“-Fraktion sind keine Verwirrten, sondern haben gute Gründe für ihre Verweigerung. Wir gehen davon aus: Sie wissen wenig, aber spüren viel von dem, was wir gemeinhin Globalisierung nennen. Sie sind durch Erfahrung klug, vergleichbar dem Bergbauern, der das Wetter der nächsten Tage mit größerer Treffsicherheit vorhersagt als die Experten vom Deutschen Wetterdienst.

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