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Internationaler Frauentag : Wir wollen keine Blumen

  • -Aktualisiert am

Mit harten Bandagen: Demonstration zum Weltfrauentag 2018 in Sao Paulo Bild: Picture-Alliance

Der 8. März bringt fürchterliche Marketing-Aktionen hervor und wenig Aufmerksamkeit für die echten Missstände. Aber Prosecco, rote Rosen und Putzmittel – darüber freuen Frauen sich doch immer, nicht wahr?

          Zum Weltfrauentag bekommen alle Berliner frei. Manche Frauen bekommen Blumen in die Hand gedrückt. Andere bekommen gar nichts, das ist dann wenigstens so wie an allen anderen Tagen im Jahr: Sie müssen darum kämpfen, über ihren Körper und ihre Lebensentwürfe selbst entscheiden zu dürfen, haben geringe Chancen auf Führungspositionen und seit Jahren immer schlechter werdende Bedingungen, wenn sie ein Kind zur Welt bringen wollen – ganz abgesehen davon, dass sie ab diesem Zeitpunkt als Arbeitskräfte sowieso nicht mehr für ganz voll genommen werden.

          Und das sind nur die Frauen in Deutschland. Der Weltfrauentag gilt aber auch für die Frauen in Indien, wo im Jahr 2016 40.000 Vergewaltigungen gemeldet wurden. Er gilt für die kleinen Mädchen in Afrika und Südostasien, deren Genitalien auf grausamste Art verstümmelt werden. Er gilt für die Frauen in Saudi-Arabien, deren Väter oder Brüder sie über eine App fernsteuern und erst zustimmen müssen, wenn eine Frau den abgeriegelten Campus ihrer Frauen-Uni verlassen, einen Pass beantragen oder verreisen will. Er gilt für all die unterprivilegierten Hausmädchen aus Entwicklungsländern, die in Kuwait oder Hongkong für reiche Familien arbeiten, die sie wie Sklavinnen behandeln. Und er gilt auch und nicht zuletzt für Transfrauen, die mit ihrem äußerlichen Bekenntnis zum weiblichen Geschlecht das Privileg der Zugehörigkeit zur Männerwelt aufgeben und noch immer von manchen als „keine richtige Frau“ missachtet werden.

          Was also macht man an einem Tag, der so weltumspannende, tiefgreifende Probleme thematisieren soll? Die SPD jedenfalls verteilte in Berlin Rosen an Frauen, einen Tag zu früh, schließlich hat man am 8. März selbst jetzt in der Hauptstadt frei. Auch die Diskussion darüber hat vom Kern des Weltfrauentages massiv abgelenkt – den vorläufigen Höhepunkt erreichte sie, als der Berliner Erzbischof sich beschwerte, warum man nicht einfach einen weiteren christlichen Feiertag hätte einführen können. Das ergibt aus Sicht der Kirche natürlich Sinn, schließlich hat sie Frauen in den vergangenen Jahrhunderten stets so vorbildlich respektiert, gefördert und eingebunden, dass sie ihnen jetzt nicht auch noch eine solche symbolische Würdigung gönnen muss. In diese Atmosphäre hinein verteilt die SPD dann eben munter Rosen. Was wollen sie mit dieser Geste sagen? „Wir haben das mit der Abschaffung des Schwangerschaftsparagraphen verbaselt, aber wir haben hier eine Blume für dich“?

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          Nun ist es an fast jedem Tag des Jahres reizend, Blumen geschenkt zu bekommen. Sogar von Parteien, da sind wir Frauen ja nicht so, im Lächeln und Danke sagen macht uns ohnehin keiner was vor. Aber am Weltfrauentag kann es darauf nur eine Antwort geben: Wir wollen keine Blumen. Wir wollen nachts auf der Straße keine Angst haben müssen, wir wollen faire Löhne, wir wollen über unsere Körper selbst entscheiden, wir wollen sichere Geburten, wir wollen Freiheit und Karrierechancen. Wir wollen das nicht nur für uns selbst, wir wollen es für alle Frauen auf der Welt.

          Die SPD liegt mit ihren Rosen übrigens gar nicht so weit daneben, es geht viel schlimmer: Im vergangenen Jahr benannte sich die Drogeriekette Rossmann für einen Tag in „Rossfrau“ um und gab Rabatte auf Putzmittel und Windeln. Wenn sich Männer beschweren, dass Feministinnen so radikal seien, kann man seitdem antworten: Jawohl, Rossmann hat mich radikalisiert, mit Scheuersand zum Weltfrauentag. Man muss schon sehr gern putzen, um über solche Aktionen nicht in Wut zu geraten.

          Viele Deutsche sehen Geschlechtergerechtigkeit noch lange nicht erreicht

          Fast jeder zweite Deutsche sieht die Geschlechtergerechtigkeit noch lange nicht erreicht. 44 Prozent der Befragten sehen es auch heute noch als Vorteil an, ein Mann zu sein, wie eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos zeigt. Nur zwölf Prozent halten es für vorteilhafter, eine Frau zu sein. Aus der Politik kamen zum Weltfrauentag am Freitag Forderungen nach mehr Entschlossenheit bei der Gleichstellung.

          Wie die Befragung des Meinungsforschungsinstituts Ipsos ergab, ist aber auch mehr als jeder Vierte der Überzeugung, dass das Geschlecht kaum einen Unterschied macht. Rund zwei Drittel gab an, dass das Erreichen von mehr Gleichberechtigung ein wichtiges persönliches Anliegen sei.

          Jeder dritte Befragte kritisierte die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen als größtes Problem. Auf Platz zwei rangiert sexuelle Belästigung mit 17 Prozent; sexuelle Gewalt halten 15 Prozent für das wichtigste Problem beim Thema Gleichstellung.

          43 Prozent der befragten Männer sind der Ansicht, dass in Deutschland hinsichtlich der Gleichstellung der Geschlechter bereits genügend getan wurde. Bei den Frauen liegt dieser Wert bei 28 Prozent.

          Die Ergebnisse sind Teil einer weltweiten Onlinebefragung, die Ipsos zusammen mit dem International Women’s Day und dem Global Institute for Women’s Leadership umsetzte. Insgesamt wurden 18.800 Menschen aus 27 Ländern befragt. (afp)

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