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Weltbürger : Das Zeitalter der Kosmopolitisierung

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Bild: ddp

Politik, Medien und Sport tun so, als ob der Nationalstaat ewig bestehen müsste. In Wahrheit sind wir längst alle Weltbürger, gestehen es uns aber nicht ein. Höchste Zeit, sich über Chancen und Risiken Gedanken zu machen.

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          Unsere Welt ist von radikalen sozialen Ungleichheiten gekennzeichnet. Am unteren Ende der Welthierarchie sind unzählige Menschen im Kreislauf von Hunger, Armut und Schulden gefangen. Von blanker Not getrieben, sind viele zu einem verzweifelten Schritt bereit. Sie verkaufen eine Niere, einen Teil ihrer Leber, eine Lunge, ein Auge oder auch einen Hoden. So entsteht eine Schicksalsgemeinschaft der ganz besonderen Art: Das Schicksal von Bewohnern der Wohlstandsregionen ist gekoppelt mit dem Schicksal von Bewohnern der Armutsregionen.

          Für beide Gruppen geht es um Existentielles im Wortsinn, das Leben und Überleben. Was früher koloniale Landnahme war, vollzieht sich allerdings heute als „Körpernahme“, als transkontinentale Aneignung und Verteilung lebender Organe in der Spaltung der Welt zwischen Reichsten und Ärmsten.

          Organhandel und biopolitischen Weltbürgertum

          In einer empirischen Fallstudie zeigt die Anthropologin Nancy Scheper-Hughes, wie die Ausgeschlossenen der Welt, die wirtschaftlich und politisch Enteigneten - Flüchtlinge, Obdachlose, Straßenkinder, Migranten ohne Papiere, Häftlinge, alternde Prostituierte, Zigarettenschmuggler und Diebe -, Teile ihres Körpers an die Transplantationsmedizin liefern. In den Körperlandschaften der Individuen verschmelzen Kontinente, Rassen, Klassen, Nationen und Religionen. Muslimische Nieren reinigen christliches Blut. Weiße Rassisten atmen mit der Hilfe schwarzer Lungen. Der blonde Manager blickt mit dem Auge eines afrikanischen Straßenkindes auf die Welt.

          Ein katholischer Bischof überlebt dank der Leber, die aus einer Prostituierten in einer brasilianischen Favela geschnitten wurde. Die Körper der Reichen verwandeln sich zu kunstvoll zusammengesetzten Patchwork-Arbeiten, die der Armen zu einäugigen beziehungsweise einnierigen Ersatzteillagern. Der stückweise Verkauf ihrer Organe wird so zur Lebensversicherung der Armen, in der sie einen Teil ihres körperlichen Lebens hingeben, um in Zukunft überleben zu können. Und als Resultat der globalen Transplantationsmedizin entsteht der „biopolitische Weltbürger“ - ein weißer, männlicher Körper, fit oder fett, in Hongkong, Manhattan oder Berlin, ausgestattet mit einer indischen Niere oder einem muslimischen Auge.

          Der globale Arme ist zugleich in einem sehr spezifischen Sinne inkludiert und exkludiert. Er ist in unserer körperlichen Mitte - und nicht zuletzt deswegen kein „globaler Anderer“ mehr.

          Siegeszug der weltweiten Kommunikationsmedien

          In diesem Fall treten die Kennzeichen der Conditio humana am Beginn des 21. Jahrhunderts hervor. Die Gegensätze zwischen national und international, innen und außen, Wir versus die Anderen bleiben bestehen, aber werden doch vom Fortschreiten der Moderne überrollt. Sie lösen sich auf und verschmelzen zu neuen Formen. „Frische Nieren“, die von Körper zu Körper, vom globalen Süden in den globalen Norden transplantierten Organe, stellen kein Ausnahmebeispiel dar: Sie sind Symbol für eine umfassende Entwicklung. In der inneren Verbindung der radikal ungleichen Welten verwandeln sich Institutionen und Lebensbereiche - zum Beispiel Liebe, Elternschaft, Familie, Haushalt, Beruf, Erwerbsarbeit, Arbeitsmarkt, Fußball, Religion, Recht, Nation, Militär, Staat.

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