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Die Welt neu ordnen

Klimakrise, Corona-Pandemie, Ukrainekrieg: Der Daueralarm lässt uns anders in die Zukunft blicken – und auf unsere Werte.

23. Juni 2022
PROTOKOLLE: Elena Witzeck
FOTOS: Michael Kohls

Andy’s Echo, DJ, Musiker, Hamburg

Jetzt, wo der Drang nach kulturellem und sozialem Leben zunimmt, stelle ich erst fest, wie sehr mir das alles gefehlt hat: diese Euphorie, die Ausreden, mal nicht produktiv zu sein, weil man auf einem Konzert, einer Party, mit Freunden im Park ist. Da ist ein neues Gefühl von Demut, Dankbarkeit dafür, dass all das wieder möglich ist. Man fühlt sich kleiner. Weil es eben nicht so selbstverständlich ist, wie wir dachten. Auch für mich haben sich viele Pläne zerschlagen, Auftritte im Ausland, Sachen, die sich nicht so schnell nachholen lassen. Für die Corona-Hilfsgelder musste ich keinen großen Kampf austragen, aber ich kenne Leute, die jetzt alles zurückzahlen müssen – nachdem ihre künstlerische Existenz zerstört wurde. Das ist ungerecht. Künstler machen ohnehin so viel umsonst. Als die Clubs wieder aufgemacht haben, habe ich es gespürt: Die Leute waren heiß. Das Vergnügen fühlte sich auf einmal bewusster an. Und dieses Vergnügen kann ein Ventil sein. Clubs und Festivals sind Orte, an denen man ausbrechen und sich von bedrückenden Gedanken befreien kann. Zu sagen, die Welt ist furchtbar, es herrscht Krieg, wir müssen uns das Vergnügen verbieten: Damit ist niemandem geholfen. Schon gar nicht den jungen Leuten, die vorher schon besonders unter der Pandemie gelitten haben.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Hubert Neubacher, Inhaber Barkassen-Meyer, Hamburg

Das Unternehmen, das ich übernommen habe, ist 100 Jahre alt. Seit 1994 arbeite ich mit Liebe für den Hafen und meine Flotte. Wenn etwas passiert, bin ich allein haftbar. Die Verantwortung spüre ich täglich. Entsprechend hart haben sich die letzten zwei Jahre trotz Crew und guter Freunde angefühlt. Ich habe mich öfter gefragt, was ich überhaupt brauche. Mein Auto habe ich abgeschafft. Eigentlich müssten wir demütiger, dankbarer sein. Wir leben in einem gesunden Land. Als ich mit 19 nach Hamburg kam, musste ich noch auf die Ausländerbehörde, weil Österreich nicht Teil der Europäischen Gemeinschaft war. Ich kam aus den Bergen und fing komplett neu an. Es ist ein besonderer Beruf, ein Schiff zu steuern und seine Stadt zu repräsentieren. Da sind Vertrauen und Wertschätzung wichtig. Ich wurde so erzogen, etwas von dem, was man hat, zurückzugeben. Vor Corona konnte ich mehr spenden. Aber es gibt andere Möglichkeiten: Wir haben ukrainische Flüchtlinge durch den Hafen geschippert. Zwei unserer Auszubildenden sind aus Gambia und Afghanistan. Für mich zählen Offenheit, Toleranz, Kompromissbereitschaft. Manchmal würde ich mir wünschen, ich hätte ein bisschen weniger davon. Man ist dann doch sehr oft zu nah an allem dran.


Lena Poetzschke, Auszubildende, Halle an der Saale

Ich werde in meinem Leben niemals eine Waffe in die Hand nehmen. Das ist vielleicht naiv, aber wenn wir uns weigern würden, in den Krieg zu ziehen, gäbe es weniger davon. Ein Teil meiner Familie kommt aus Nordthüringen. Meine Uroma hat immer gesagt: Geht nicht weiter aufs Feld hinaus, da kommt der Russe. Ich hatte wirklich Angst, dass da ein Russe im Panzer im Feld sitzt. Diese Angst hat sie uns mitgegeben. Ich habe viele Freunde, die sich jetzt in ihre Angst hineinsteigern. Aber in meinem Alltag hat sich wenig verändert. Ich möchte meine Ausbildung gut machen und mit mir zufrieden sein können. Im Privaten zählt für mich vor allem die Familie. Für meine Zukunft stelle ich mir ein eher konservatives Familienleben mit Häuschen und Kind vor. Wohlstand ist mir nicht so wichtig. Ich bin mit wenig zufrieden. Am ehesten sind die Lebensmittel ein Problem. Eigentlich müsste ich Produkte kaufen, die wenig mit Chemie in Berührung gekommen sind. Aber die sind sehr teuer. Der Haushalt, aus dem ich komme, war sehr gläubig. Ich finde das Prinzip Hoffnung gut. Wir befinden uns in einer schrecklichen Situation, aber persönlich können wir erst mal nichts daran ändern. Mein Opa hat ukrainische Flüchtlinge aufgenommen. Ablenkung hilft beim Verdrängen der Angst.


Denice Ramsey, Stewardess, Berlin

Ich fliege Lang- und Kurzstrecke. Dazu hatte ich einen Job im Nachtclub, im Controlling. Der fiel coronabedingt weg, dann kam die Kurzarbeit. Ich habe mich eingeschränkt und einen Minijob auf dem Reiterhof angenommen. Für mich ist die Vorstellung, nicht reisen zu können, unerträglich. Die Freiheit zu reisen in einer Zeit, in der die Menschen sich entfremden, ist ein großes Gut, für das ich dankbar bin. Wir haben viel im Ausland gelebt. Meine Kinder haben zwei Staatsbürgerschaften und nehmen sich aus beiden Kulturen, was sie wollen. Reisen ist ein Mittel gegen Ethnozentrismus. Wer reist, lernt Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Meinungen und Verhaltensweisen. Ich habe den Fernseher abgeschafft, soziale Medien sowieso. Die tun mir nicht gut. Ich halte mich insgesamt für sehr resilient. Wahrscheinlich bin ich deshalb gut in meinem Job. Wir sind ständig mit unerwarteten Situationen konfrontiert. An Bord wurden die Konflikte wegen der Masken immer aggressiver. An Solidarität dachten viele nicht mehr. Geschweige denn an Verantwortung füreinander. Im Sommer ziehe ich zurück nach Amerika. Lang halte ich es nicht an einem Ort aus. Ich habe ein Soziologiestudium angefangen. Es kann nicht schaden, all das, was da gerade um uns geschieht, analytisch zu durchdringen.


Stefan Mauritz, Soziologe, Köln

Wir waren früher ein politischer Freundeskreis. Viele von uns waren in Parteien, abends diskutierten wir am Küchentisch über Philosophie. Aber in den letzten beiden Jahren habe ich in meiner Umgebung eine fast biedermeierhafte Rückbesinnung auf die Familie beobachtet. Natürlich hatte das mit den politischen Entscheidungen und den Vorschriften der Pandemie zu tun. Aber etwa losere Bekannte waren auf einmal verschwunden. Für getrennt lebende Paare war die Situation auch sehr problematisch. Menschen in meinem Alter wollen eine gute Work-Life-Balance, sie wollen Partizipation. Der Wunsch nach materiellem Wohlstand verschiebt sich hin zu mehr persönlicher Freiheit. Seit Februar erzählen mir eigentlich abgeklärte Menschen, dass sie erstmals in ihrem Leben richtig Angst haben vor einer Bedrohung, die von außen kommt. Da ist es naheliegend, dass man sich wünscht, dass es wenigstens den eigenen Liebsten gut geht. Neben der Solidarität ist mir auch Sicherheit wichtig: rein physisch, aber auch beruflich. Ich möchte in zwanzig Jahren noch wissenschaftlich arbeiten und davon leben können. Und natürlich partnerschaftliche Sicherheit. Dass sich dieser Wert entwickelt hat, ist ein Effekt der Zeit: Ich werde älter. Vieles, was früher sicher erschien, wirkt jetzt fragiler.


Fitsum Alazar, Kioskbesitzer, Frankfurt am Main

Die Leute kommen zu mir und erzählen mir ihre Geschichten. Ich will, dass sie sich gut fühlen. Meine Familie und diese Fürsorge, dieses Vertrauen sind mir das Wichtigste. Einer meiner Lieblingskunden ist ein alter spanischer Herr. Er ist immer gut gelaunt. Dabei ist er arm. Er hat nichts, keinen Besitz, keine Abhängigkeiten, keine Erwartungen. Er ist frei und total zufrieden. Andere sehen überall Feindbilder. Ich verstehe, dass die Leute Angst haben. Früher war der Krieg weit weg, und die Wohnungen waren billiger. Früher war ich vorsichtig, habe kaum mit den Leuten im Kiosk geredet. Ich komme aus einem brutalen Land, wo die Menschen sich nicht vertrauen. Ich weiß, wie ein Unrechtsstaat aussieht. Glaubt mir, der sieht anders aus. Als Corona begann und die Bars und Restaurants schließen mussten, stand ein Plastikstuhl vor meiner Tür, jemand setzte sich darauf. Und dann: Kontrolle. 2500 Euro Strafe, wie ein Gastronom. Ich war verzweifelt. Ich habe einen kleinen Kiosk, und meine Strafe ist dieselbe wie für ein Restaurant? Genau diesen Gedanken sprach der Richter in der Verhandlung an. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr mich das in meinem Glauben an dieses Land bestärkt hat. Am Ende musste ich 500 Euro zahlen. Schlimm genug. Trotzdem war ich froh.


Florian Meister, Co-Founder Finance in Motion, Frankfurt am Main

Bis ich vierzig wurde, hatte ich eine intensive Zeit als Investmentbanker. Damals waren Werte nur im Sinne von Bonuswerten ein Thema, die man am Ende des Jahres bekam. Ich kann mich an wenig erinnern, was wir aus ethischen Gründen nicht verfolgt hätten. Heute ist das anders. Nach der Finanzkrise gab es öffentlichen und regulatorischen Druck, das hat einiges verbessert. Ein Freund brachte mich auf die Idee einer ethischen Investmentfirma. Wir haben heute viele nachhaltige Fonds. Die gehen Kooperationen mit Unternehmen ein, die erneuerbare Energien ausbauen, bauen nachhaltige Waldplantagen – sozusagen privat mitfinanzierte Entwicklungshilfe. Wir sind als Firma dazu verdammt zu wachsen, aber auf alle Unternehmen angewandt widerspricht dieser Druck der Erkenntnis, dass wir daran arbeiten müssen, unseren Fußabdruck in der Welt zu verringern. Seit 19 Jahren betreibe ich eine Alm in Südtirol. Wir haben ein kleines Wasserkraftwerk, mit dem wir eigenen Strom produzieren. Wir sehen, wie der Rahm aus der Zentrifuge läuft, wie die Butter in die Verpackung kommt. Wir kontrollieren die meisten Faktoren, das bringt Demut und Ruhe. Zurück in der Stadt, kommen mir die Menschen in den Meetings erst einmal hektisch vor.


Gabriele Paulsen, Juristin, Bamberg

Wenn wir als Kinder mittags von der Schule nach Hause kamen, gab es Essen mit der ganzen Familie. Das gemeinsame Essen war eine Gelegenheit, gesellschaftliche Rituale zu erlernen. Die so erlernten Konventionen und Rituale erleichtern später das Leben. Ich mag den altmodischen Ausdruck Contenance. „Contenance wahren“ bedeutet, in unangenehmen Situationen Selbstbeherrschung zu beweisen, auch mal die Zähne zusammenzubeißen, wenn man zornig, traurig oder krank ist, im besten Fall: Haltung zu bewahren. Zur inneren Haltung gehört auch, sein Recht nicht grundsätzlich bis zum Äußersten auszureizen. Der Verlauf von Debatten im Netz zeigt doch, dass es nicht förderlich ist, sich zu allem zu äußern. Eine andere Sache ist für mich der oft mangelnde Respekt. Wieso soll ich mich als 70-jährige Frau von jemandem, dem ich es nicht ausdrücklich angeboten habe, duzen lassen? Ich sieze dann einfach zurück. Früher standen manchmal alle Männer am Tisch auf, wenn eine Frau sich erhob. Die Vorstellung empfinde ich heute als absurd. Oder die Frau wartete im Auto, bis der Mann herumgelaufen war und beim Aussteigen half. Solche altmodischen Gesten lassen sich auch als Zuwendung verstehen. Mit zunehmendem Alter kann diese Art der Zuwendung vielleicht auch einmal hilfreich sein.


Gudrun Schweppe, Youtube-Managerin, Berlin

Anfang 2020 war ich ständig unterwegs. Entweder saß ich im Flieger oder war im Ausland, nur zu Hause war ich nicht. In meinem damaligen Job hatte ich die Verantwortung für den europäischen Markt, den Mittleren Osten und Afrika. Dann ging auf einmal gar nichts mehr. Ich atmete auf. Plötzlich war da eine gigantische Umstellung, die auch positive Seiten hatte: Ich hatte Zeit zu Hause, mit den Kindern und der Familie. Dabei habe ich auch realisiert, dass ich nicht mehr für gefühlte 100 Länder gleichzeitig zuständig sein möchte. In meinem neuen Job als Musikchefin von Youtube Deutschland sind es drei Länder. Ich kümmere mich vor allem um die Beziehung zu Künstlerinnen, Musikern und deren Plattenfirmen im deutschsprachigen Raum. Musik ist Glück. Das ist für mich der entscheidende Treiber. Ich höre jetzt wieder jeden Tag Musik und merke, wie gut es mir tut. So viele neue Künstler, die ich erst einmal entdecken und verstehen musste. Das kann sehr erfüllend sein. Ich könnte mich stundenlang durch Musikvideos klicken. Viele Empfehlungen kommen aus der Branche oder von Musikern selbst. Gerade bin ich großer Fan von Rote Mütze Raphi, einer Rapperin aus Koblenz. Musik setzt enorme Glücksgefühle frei. Familie und Glück sind mir alles wert.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 23.06.2022 13:38 Uhr