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Nationalhymnen : Intermezzo

  • -Aktualisiert am

Mehr Fokus auf die Sehenswürdigkeiten und Landschaften Tschechiens könnten dabei helfen, die Nationalhymne gendergerecht zu machen. Bild: Picture-Alliance

Beim Thema Nationalhymne ging es hierzulande gerade um die Frage, ob der Text auch „gendergerecht“ sei. Die Tschechen haben ein ganz anderes Problem: Ihr Lied ist einfach zu kurz.

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          Dass sich über Nationalhymnen trefflich streiten lässt, hat nicht erst die Debatte um ein genderneutrales Deutschlandlied gezeigt, ausgelöst durch die Gleichstellungsbeauftragte Kristin Rose-Möhring, die das „Vaterland“ zum „Heimatland“ machen will und danach „couragiert“ statt „brüderlich mit Herz und Hand“ strebt. Neben fehlenden Geschlechterneutralität (außer in Deutschland auch in Kanada und Österreich) gibt es aber in den Hymnen der Welt noch andere Baustellen. Etwa das Fehlen eines Textes (Spanien) oder den zu hohen Schwierigkeitsgrad, der interpretatorische Verunstaltungen mit sich bringe – beständig und zuletzt wieder in den Vereinigten Staaten bei großen Sportveranstaltungen unter Beweis gestellt, von der Debatte um das Stehen oder Knien beim Singen einmal ganz abgesehen.

          Das bislang jüngste Kapitel in Sachen Nationalhymnendebattenhistorie wird aber gerade in Tschechien geschrieben. Die Landeshymne, die erste Strophe des Liedes „Kde domov můj“ („Wo ist meine Heimat?“) ist nämlich ungewöhnlich kurz. Die bei zeremoniellen Anlässen gespielte Variante dauert in der Regel nur 45 Sekunden, ist also schon vorbei, bevor sich der Nationalstolz überhaupt eingestellt hat. Der Grund: Mit der Teilung der Tschechoslowakei wurde einst auch die Hymne getrennt, und sie verlor ihre zweite, slowakische Strophe. Nun, da sich im kommenden Oktober die Gründung der Tschechoslowakei zum hundertsten Mal jährt, hat das tschechische Olympiakomitee eine Diskussion über die Hymne angezettelt. Der Vorsitzende Jiří Kejval, ehemaliger Ruderer, wünscht sich eine selbstbewusstere, patriotischere, also eben längere Landeshymne. Mindestens achtzig Sekunden sollen es sein. Aber wie will man das erreichen? Ein paar Takte hintendran oder an den Anfang oder mitten hinein vielleicht?

          Womöglich könnte man auch am Tempo schrauben. Der tschechische Komponist Miloš Bok hat bereits eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet, die neben einer Streckung (die zweite Strophe soll reanimiert werden) auch eine reichere Harmonik vorsehen. Das hat nicht nur Vorteile, wie der Blick nach Uruguay zeigt: dort dauert die Hymne fast fünf Minuten. Auch das Griechenlandlied mit seinen 158 Strophen würde in voller Länge den Anstoß eines Länderspiels auf unbestimmte Zeit verzögern. Im Ergebnis aber verlaufen die Debatten in Deutschland und Tschechien ähnlich. Ministerpräsident Andrej Babiš sieht nämlich keinen Grund, die Hymne zu ändern, und auch der Vorsitzende der Bürgermeisterpartei, Petr Gazdík, verweist auf andere Probleme im Land. Am Ende ist es wohl gar nicht unwahrscheinlich, dass die musikalische Feier sportlicher Erfolge im Nachbarland auch zukünftig ein kurzes Intermezzo bleibt. Immerhin: Wo weder von Männern noch von Frauen überhaupt die Rede ist, stattdessen von brausendem Wasser und rauschenden Wäldern, da ist das Nationalgefühl mit Sicherheit eines: genderneutral.

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